Mittwoch, 18. Juli 2018

Bulthaupt-Kolumne Besinnlichkeit - eine Quelle des Wirtschaftswachstums

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Religion und Wirtschaftswachstum? Für Ökonomen ist das Weihnachtsfest nicht mit einem Konjunkturschub für den Einzelhandel gleichzusetzen. Schließlich beeinflusst Religiosität unser Verhalten zutiefst.

Es weihnachtet. Konjunkturforscher zählen die entfallenden Arbeitstage, vergleichen sie mit jenen der Vorjahre, stellen Hochrechnungen für die gesamtwirtschaftliche Leistung des vierten Quartals auf, arbeitstäglich bereinigt und unbereinigt. Andere zählen die freien Tage, denken an Gänsebraten, Christmas Cookies, Christmette, und an eine besinnliche Zeit.

Frank Bulthaupt, Aktienmarktexperte der Dresdner Bank, schreibt regelmäßig für manager-magazin.de
Sind Weihnachtsfeiertage ein Hemmschuh für das Wirtschaftswachstum? Das Gegenteil ist wohl der Fall! Und ich denke nicht an die weihnachtliche Stimulierung des Einzelhandelsgeschäfts, die unter anderem dem jüngsten Ifo-Test einen unerwarteten Auftrieb verholfen hat.

Sucht man nach den treibenden Faktoren des Wirtschaftswachstums, so lesen wir in den ökonomischen Lehrbüchern von technischem Fortschritt, demographischen Entwicklungen, Bildung sowie von der Anfangsausstattung mit Produktionsfaktoren. Aber Weihnachten, eines der wichtigsten Feste des Christentums, erinnert uns an eine weitere Kraft:

Religiosität beeinflusst unser Verhalten

Auch Religion und Religiosität gehören zu den Determinanten ökonomischen Wachstums. Denn Religiosität, die Zugehörigkeit zu einer Religion, beeinflusst zutiefst unser Verhalten: Ehrlichkeit, Sparsamkeit oder Verschwendungssucht, Arbeitsethik, Bereitschaft zu harter Arbeit, Offenheit gegenüber Fremden und Fremdem - all diese Faktoren beeinflussen letztlich die Arbeitsproduktivität des Einzelnen und damit der Gesellschaft insgesamt.

Volle Tüten: Zu Weihnachten gehören mehr als nur Einkäufe
Dies bestätigen auch neuere Untersuchungen der Ökonomen Barro und McCleary: Religiosität unterstützt produktivitätsorientiertes Verhalten und stimuliert infolgedessen wirtschaftliches Wachstum. Insbesondere der Glaube an den Himmel, stärker noch der Glaube an die Existenz einer Hölle, wirken - empirischen Untersuchungen zufolge - klar wachstumssteigernd. Eine Erklärung für diese Ergebnisse könnte die Antizipation zukünftiger Belohnung oder Bestrafung für "gutes" oder "schlechtes" Gegenwartsverhalten sein.

Einen Zusammenhang zwischen Religion, Religiosität und Wirtschaftswachstum kann man empirisch generell für die Weltregionen nachweisen. Darüber hinaus fördert der Pluralismus der Religionen in einer Volkswirtschaft, wie in Artikel 4 grundgesetzlich verankert, den Wettbewerb der Religionen. Daraus hervorgehende "deregulierte Religionsmärkte" unterstützen zusätzlich das reale Wachstum des Landes.

Wirtschaftswachstum und Christmette

Könnte man soweit gehen, dass selbst der Kirchenbesuch, der Besuch der Christmette, wachstumssteigernd wirkt? Schließlich sind Kirchen selten so gut besucht wie zum Fest der Besinnung (was gelegentlich auch als Weihnachts-Christlichkeit umschrieben wird).

Auf diese Frage liefert der ökonomische Ansatz ein klares Jein: Der alleinige Besuch kirchlicher Veranstaltungen ist aus ökonomischer Sicht - mit Verlaub - eine reine Ressourcenbindung, also wachstumsmindernd. Aber: Der Besuch von Gottesdiensten ist zuweilen auch religiositätsvertiefend. Die Konzentration auf die Grundwerte, mit den Worten Kardinal Lehmanns "der Empfang geistiger Nahrung", gehört zu den wachstumswirksamen "Outputs" des Kirchenbesuchs.

Das Loslassen vom Tagesgeschäft, die weihnachtliche Besinnung auf Lebensführung und Motivation, gehen einher mit einer inneren Auffrischung wachstumsfördernder Verhaltensweisen.

Religion und Wirtschaftswachstum gehen Hand in Hand. In ihren Schneespuren folgen Weihnachten und Besinnlichkeit.

Ich wünsche Ihnen besinnliche Feiertage!

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