Dienstag, 13. November 2018

Hoechst Ein Name verschwindet

Mut zum Neuanfang müsse sein, warb Firmenchef Jürgen Dormann für den Umbau des traditionsreichen Chemie- und Pharmariesen, dessen Name nach 136 Jahren verschwindet. 111 Jahre lang war Hoechst an der Börse notiert.

Frankfurt - 136 Jahre nach Gründung der Fabrik zur Herstellung von Farbstoffen spaltet sich Hoechst auf: Der Life-Science-Bereich fusioniert zu Aventis, die traditionsreiche Chemiesparte geht in der Celanese AG auf. Aventis werde mit einem Umsatz von 17,7 Milliarden Euro, rund 92.000 Mitarbeitern und einem Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen von rund vier Milliarden Euro der führende Life-Science-Konzern der Welt, machte der Vorstand deutlich.

Der Vorstandsvorsitzende Jürgen Dormann warb auf der außerordentlichen Hauptversammlung noch einmal für die Zerschlagung des bisherigen Unternehmens und die Fusion mit Rhône-Poulenc zur neuen Aventis.

Mit einem Forschungs- und Enwicklungsbudget von 2,1 Milliarden Euro für die Pharma nehme Aventis im internationalen Vergleich eine Spitzenstellung ein. Die jeweiligen Entwicklungspipelines ergänzten sich gut.

"Wenn wir etwas Neues schaffen wollen, dann müssen wir auch bereit sein, Hergebrachtes aufzugeben", betonte der Hoechst-Chef. Dies falle häufig sehr schwer. Wenn heute ein neuer Weg eingeschlagen werde dann geschehe das nicht willkürlich, sondern weil beide Unternehmen nach einem langen Reifeprozeß zu der Erkenntnis gelangt seien, daß damit bessere Zukunftschancen verbunden seien.

Die Geschichte von Hoechst und Rhone-Poulenc werde nicht beendet, vielmehr werde nun eine erweiterte europäische Dimension erreicht. Dafür stehe der Name Aventis.

"Wer behauptet, daß Hoechst verschwindet, möge seine Meinung überprüfen", sagte Dormann. Es sei weder die Absicht, die Geschichte von Hoechst aufzulösen oder den Standort Frankfurt aufzugeben. Lediglich 70 Mitarbeiter gingen nach Straßburg. "Wir kriegen dafür nach Frankfurt die weltgrößte Pharmafirma" , betonte der Hoechst-Chef. Natürlich tue es auch dem Vorstand weh, den Namen Hoechst aufgeben zu müssen. Man müsse jedoch auch den Mut zum Neuanfang haben.

Der Weg zur Weltapotheke:

1863: Der Chemiker Eugen Lucius gründet gemeinsam mit den Kaufleuten Wilhelm Meister und August Müller in Höchst am Main eine Fabrik. Erstes Produkt ist Fuchsin, ein rotvioletter Textilfarbstoff. Nachbarn bezeichnen das junge Unternehmen seitdem als "Rotfabrik".

1880: Die Firma wird in die Aktiengesellschaft "Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning" umgewandelt.

1883: Mit der technischen Synthese des fiebersenkenden und schmerzstillenden Antipyrin startet die Herstellung von Arzneimitteln.

1888: Die AG wird erstmals an der Börse notiert.

1902 bis 1915: Phase starker Expansion. In Zusammenarbeit mit Paul Ehrlich wird das erste Heilmittel gegen Syphilis entwickelt. In Moskau, Paris und Manchester entstehen Tochterunternehmen. Mit Cassella und Kalle werden Interessengemeinschaften gegründet.

1925 bis 1945: Die deutsche Großchemie wird zur IG Farbenindustrie AG zusammengeschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der IG Farben vorgeworfen, das NS-Regime gestützt, Zwangsarbeiter beschäftigt und das Giftgas Zyklon B hergestellt zu haben. Der Verbund wird deshalb von den Allierten entflochten.

1951: Ein Teil der IG Farben wird als "Farbwerke Hoechst AG vorm. Meister Lucius & Brüning" fortgeführt. In den folgenden Jahren ergänzt die Produktion von Synthesefasern, Kunststoffen und Folien die traditionellen Geschäftsfelder Farben, Pharma und Pflanzenschutz.

1968: Hoechst startet die Zusammenarbeit mit dem Pariser Konkurrenten Roussel Uclaf, der später geschluckt wird.

1974: Der traditionelle Name wird nach zahlreichen Umstrukturierungen auf Hoechst AG verkürzt.

1987: Hoechst erwirbt die nordamerikanische Celanese Corp. und verschmilzt das Unternehmen mit American Hoechst.

1994: Jürgen Dormann wird neuer Vorstandsvorsitzender der Hoechst AG. Der Manager beginnt mit dem radikalen Umbau des Konzerns. Ziel ist die Konzentration auf Gesundheit und Ernährung.

1995: Übernahme des US-Arzneimittelkonzerns Marion Merell Dow. Im Gegenzug werden die Kosmetiktöchter Schwarzkopf, Jade und Marbert verkauft. Dormann wird zum "Manager des Jahres" gewählt.

1996 bis 1997: Hoechst beschleunigt den Konzernumbau. Die Pharma-Aktivitäten werden in der Tochter Hoechst Marion Roussel (HMR) gebündelt. Das Spezialchemiegeschäft wird in die Schweizer Clariant AG eingebracht, an der Hoechst 45 Prozent hält. Erstmals Börsennotierung in New York.

1998: Hoechst trennt sich von zahlreichen Unternehmen (Herberts, Vianova Resins, Hostalen). Konzern-Chef Dormann gibt im Herbst die Aufspaltung in die Hoechst AG (Pharma, Tiergesundheit und Landwirtschaft) sowie in die Celanese AG (industrielle Chemie) bekannt. Wenig später wird die geplante Fusion der Pharma-Sparten von Hoechst und Rhone-Poulenc verkündet.

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