Dienstag, 17. Juli 2018

Bulthaupt-Kolumne Aktienmarkt widersteht Herdenverhalten

Der zunehmende Konsens der Aktienstrategen ist nicht zu verwechseln mit Herdenverhalten. Es sind vielmehr die Ampeln unterschiedlicher Bewertungsmodelle, die mittlerweile ähnliche Signale liefern. Ein Verzicht auf diese fundamentalen Methoden birgt die Gefahr, wie bei Tintenklecksbildern immer neuen Phantasien zu erliegen.

Gegenwärtig überwiegt die Zahl der positiven Einschätzungen zum Aktienmarkt. Diese Beobachtung erinnert manchen Marktbeobachter an das Ende der neunziger Jahre. Die Schnelldiagnose lautet: Analystenherde. Gibt es Anzeichen, dass Analysten angesichts der komplexen Zusammenhänge an den Börsen einem Konsensbedürfnis erliegen, anstatt eine nüchterne Marktbewertung vorzunehmen? Meine Antwort lautet: Nein.

  Frank Bulthaupt , Aktienmarktexperte der Dresdner Bank, schreibt regelmäßig für manager-magazin.de
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Frank Bulthaupt, Aktienmarktexperte der Dresdner Bank, schreibt regelmäßig für manager-magazin.de
Eher verstärkt sich die Erkenntnis, dass eine Vielzahl der unterschiedlichen Bewertungsmethoden in den vergangenen Monaten ähnliche Ergebnisse geliefert hat: Geringe nominale und reale Zinsen, Augenmaß seitens der Geldpolitik, wiederholte US-Gewinnsteigerungen von weit über 20 Prozent in den Jahren 2002 und 2003, eine anziehende Weltkonjunktur sowie positive Gewinnaussichten für das erste Quartal 2004 sind bewertungsrelevante fundamentale Entwicklungen. Die Konjunktur im Euro-Raum ist zwar gegenwärtig gegenüber der USA leicht phasenverschoben, aber aufwärts gerichtet. Überdies dürfte die Gefahr von Dollarturbulenzen als Hauptrisikofaktor seit der gemeinsamen Erklärung von Boca Raton geschmälert sein.

Die Eintracht der Experten hat auch was Gutes

In diesem Umfeld ist es nicht überraschend, dass ähnlich lautende Aktienmarktbewertungen gehäuft auftreten, unabhängig davon, ob die zugrunde liegenden Modellrechnungen auf kurz- oder längerfristigen Trends basieren.

Zudem hat die resultierende Eintracht der Aktienstrategen auch einen stabilisierenden Effekt: Waren die vergangenen Börsenjahre nicht durch extrem kontroverse Einschätzungen gekennzeichnet? Fast täglich beteuerte seinerzeit eine Seite Überbewertungen von mehr 25 Prozent, während die andere in gleichem Umfang Unterbewertungen diagnostisierte. Diese unterschiedlichen Signale konkurrierender Bewertungen (und auch Szenarien) erweckten beim unbeteiligten Beobachter den Eindruck des Nichtwissens der Experten und hinterließen bei Investoren Hilflosigkeit gegenüber den Prognosen.

Bewertungsmodelle versus Tintenklecksbilder

Sicherheit bietet kein Bewertungsmodell. Sollte man deshalb auf sie verzichten und auf sein Bauchgefühl vertrauen? An dieser Stelle nehme ich die Warnung der Psychologen sehr ernst: Menschen erkennen selbst dort Muster, wo gar keine sind! Beweis: Tintenklecksbilder. Irgend jemand erkennt immer etwas. Die wechselnde Vermutung neuer Triebkräfte an den Börsen ist zwar Phantasie anregend und individuell prickelnd. Als Geschäftsstrategie möglicherweise so Erfolg versprechend wie Roulette, und am Aktienmarkt vermutlich eher eine Quelle für Herdenverhalten.

Weder Herdenverhalten noch Blase zu erkennen

Im Lichte fundamentaler Bewertungsmodelle lautet meine Einschätzung: An den Aktienmärkten herrscht gegenwärtig kein Herdenverhalten. Auch sind keine Anzeichen einer Blase zu erkennen. Tintenklecksbilder spielen offenbar keine dominierende Rolle. Die Bewertungen der marktbreiten Indizes dies- und jenseits des Atlantiks sind angemessen. Infolgedessen sollte der optimistische weltwirtschaftliche Ausblick die weitere Aufwärtstendenz an der Börse weiterhin fundamental stützen.

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