Samstag, 24. Februar 2018

Bulthaupt-Kolumne High Potentials sterben aus

Der demografische Wandel birgt nicht nur Gefahren für die Rentenkassen. Auch die Unternehmen müssen sich umstellen. Langfristig droht Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.

Gegenwärtig drückt der Schuh bei den öffentlichen Rentenkassen und folgerichtig ranken sich täglich viele Diskussionen um die Lösung des Rentenproblems. Am Horizont sind jedoch aus Unternehmersicht weitere einschneidende Konsequenzen der demografischen Entwicklung in Deutschland auszumachen: Die zunehmende Knappheit hoch qualifizierter Arbeitskräfte und der dadurch drohende Standortnachteil gegenüber den USA erfordern neue Unternehmensstrukturen.

  Frank Bulthaupt , Aktienmarktexperte der Dresdner Bank, schreibt regelmäßig für manager-magazin.de
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Frank Bulthaupt, Aktienmarktexperte der Dresdner Bank, schreibt regelmäßig für manager-magazin.de
Nullrunde für Rentner, unveränderte Beitragssätze zur gesetzlichen Rentenversicherung. Gegenwärtig beherrscht die Krise der öffentlichen Rentenkassen die tägliche Diskussion um die Konsequenzen der demografischen Entwicklung. Allgemein hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Rentenfinanzierung aus dem Umlageverfahren die gesetzlichen Lohnnebenkosten in die Höhe treibt und dadurch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen gefährdet.

Deutschland droht den Anschluss zu verlieren

Auf internationalem Parkett steht für ein Exportland wie Deutschland aber nicht nur die preisliche, sondern zugleich die technologische Wettbewerbsfähigkeit im Vordergrund.

Hier zeichnen sich angesichts der voraussehbaren demografischen Entwicklung Engpässe am Horizont ab, von denen der Blick aus dem Fenster das Gegenteil vermuten lässt. Schließlich klopfen auf Grund der Arbeitsmarktflaute rund um den Atlantik derzeit mehr hoch qualifizierte Arbeitsanbieter und Hochschulabsolventen an die Türen von Unternehmern und Behörden als diese nachfragen.

Aber blicken wir eine gute Dekade nach vorne. Die Babyboomer-Generation verlässt ab etwa 2015 den Arbeitsmarkt, die Zahl der Arbeitskräfte geht angesichts viel zu geringer Geburtenraten noch über Dekaden Jahr für Jahr um ein Prozent zurück. Ein Prozent ist nicht viel? Es ist noch keine drei Jahre her, als viele Branchen im Umfeld einer noch wachsenden Erwerbsbevölkerung bereits einen Fachkräftemangel beklagten.

Junge, qualifizierte Arbeitssuchende werden knapp

Auf den ersten Blick scheint dann der Faktor Arbeitskraft generell knapp zu werden. Aber nur auf den ersten: Denn viele aufstrebende Volkswirtschaften, ich denke an Osteuropa und China, werden ihre Märkte weiter öffnen und sich in den Prozess internationaler Arbeitsteilung noch stärker integrieren. Zwar gibt es auch in jenen Ländern demografische Probleme, diese lassen sich jedoch auf absehbare Zeit durch Produktivitätssteigerungen überkompensieren.

Während also ein Großteil des zukünftigen heimischen Arbeitskräftemangels durch Outsourcing und erhöhten Kapitaleinsatz umgangen werden kann, tritt das zukünftige Kernproblem des deutschen Arbeitsmarktes klar hervor: die Knappheit hoch qualifizierter, jüngerer Arbeitskräfte.

Standortvorteil USA

Technischer Fortschritt erfordert hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Ein Mangel beeinträchtigt Forschung und Entwicklung, Innovationen und infolgedessen die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas. In den USA sieht die demografische Situation vergleichsweise rosig aus. Höhere Geburtenraten, ein höherer Bevölkerungsanteil der Jüngeren (der Bevölkerungsanteil der bis zu 14-Jährigen beträgt in USA rund 21 Prozent gegenüber 16 Prozent in Europa) und ein noch in den nächsten 50 Jahren weiter wachsendes Arbeitskräftepotenzial sprechen für eindeutige Standortvorteile jenseits des Atlantiks.

Diese transatlantische Konkurrenzsituation erzwingt neue Unternehmensstrukturen, um die heimische Knappheit wichtiger Inputs zu kompensieren. Das Ziel der neuen Strukturen muss auf die gemeinsame Nutzung des knappen - und teuren - Produktionsfaktors hinauslaufen. Eine Zunahme weltweiter Netzwerkstrukturen zur gemeinsamen Nutzung von Forschung und Innovationen ist unvermeidbar.

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