Montag, 17. Dezember 2018

Netjets "Warren mag das Risiko"

Großinvestor Warren Buffett hat mit Rückversicherungen, Möbeln und Schuhfabriken ein Vermögen verdient. Auch eine Jetfirma, die nach dem Timesharing-Prinzip operiert, zählt zu seinem Imperium. Netjets-Gründer Richard Santulli erklärt, warum Buffetts Griff zu den Sternen nur eine Frage der Zeit war.

mm.de:

Im Jahr 1995 wurde Warren Buffett Kunde bei Netjets und kaufte für seine Frau Suzie einen 25-Prozent-Anteil an einem Flugzeug. Hat es Sie überrascht, dass er drei Jahre später die gesamte Firma für 725 Millionen Dollar übernahm?

Richard Santulli, Gründer von Netjets Inc. Der Mathematiker und ehemalige Goldman-Sachs-Investmentbanker gilt als ein Kandidat, der die Leitung von Buffetts Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway übernehmen könnte.
Santulli: Nein. Warren war als Kunde sehr zufrieden und er mochte unser Konzept: Privatjets zu nutzen, aber nur einen Bruchteil der Kosten eines Jets zu bezahlen. Der Anteil von Mrs Buffett berechtigte sie zum Beispiel zu 200 Flugstunden im Jahr - wer nur 100 Stunden pro Jahr braucht, kann seinen Anteil auf ein Achtel reduzieren. Die Idee, nur für die Nutzungszeit zu zahlen, sei für ihn als sparsamen Geschäftsmann sehr attraktiv gewesen, hat er einmal gesagt. Und hinzugefügt: "Wenn du einmal etwas mit deiner Firma anstellen oder verkaufen willst, ruf' mich an".

mm.de: Eine Jetfirma, die auf Timesharing setzt, ist dennoch ein ungewöhnlicher Kauf für einen Investor, der sonst eher Versicherungen, Möbel und Rasierklingen bevorzugt.

Santulli: Warren hatte mehr als drei Jahre Zeit, das Geschäftsmodell zu testen. Er investiert nur in Unternehmen, die er versteht. Er mag Qualitätsunternehmen, von deren Geschäftsidee er überzeugt ist. Da spielt es keine Rolle, ob das Geschäft mit Möbeln oder Privatjets zu tun hat. Er vertraut mir und ist davon überzeugt, dass wir noch sehr stark wachsen können. Und so etwas mag er.

mm.de: Welche Rolle spielt das persönliche Vertrauen?

 "Er mischt sich nicht ein": Wenn Warren Buffett kauft, hat er Unternehmen und Mannschaft bereits vorher gründlich studiert
AP
"Er mischt sich nicht ein": Wenn Warren Buffett kauft, hat er Unternehmen und Mannschaft bereits vorher gründlich studiert
Santulli: Eine sehr große. Warren durchleuchtet nicht nur Unternehmen genau, er hat auch ein Gespür für Menschen. Er mischt sich nicht ein. Er kauft ein Unternehmen und erwartet von den Verantwortlichen, dass sie die Geschäfte gut führen. Als er meine Firma im September 1998 kaufte, stand mir frei, am nächsten Tag zu gehen und ein Konkurrenzunternehmen zu starten. Aber ich blieb, weil ich weiterhin alle geschäftlichen Freiheiten habe. Warren vertraut mir, weil er weiß, dass mir die Firma am Herzen liegt.

mm.de: Warren Buffett als Finanzier im Hintergrund und keinerlei Kontrolle? Das klingt zu schön ...

Santulli: Natürlich halten wir Kontakt. Wir telefonieren drei-, viermal die Woche. Aber dann spreche ich häufiger mit ihm über andere Dinge als über Netjets. Er hat es nicht nötig, sich in den Vordergrund zu spielen. Er sagt: Es ist dein Business, Richard, ich könnte den Job nicht so gut machen wie du. Dabei ist er viel schlauer als jeder andere Geschäftsmann.

mm.de: Sehen Sie ihn als konservativen Geschäftsmann?

Santulli: Es wäre ein großer Fehler, anzunehmen, Warren Buffett sei konservativ und scheue das Risiko. Er mag das Risiko. Mit seinem Versicherungsgeschäft geht er Risiken ein, große Risiken, die niemand anderes eingeht - oder die sich niemand sonst einzugehen leisten kann. Das Geniale an ihm ist, dass er jedes Risiko begrenzt. Er kalkuliert Risiken, übernimmt sie und wird gut dafür bezahlt.

Konservativ ist Warren lediglich in Bewertungsfragen: Er achtet auf den Cashflow, nicht auf Ebitda und solche Dinge. Er beurteilt den Wert einer Firma auf einer konservativen Basis. Damit handelt er als Geschäftsmann verantwortungsbewusst, aber nicht konservativ.

mm.de: Warren Buffetts Ausflug in die Flugzeugbranche ist also nicht einer persönlichen Vorliebe für Jets zu verdanken?

Santulli: Ich glaube nicht, dass er ein Flugzeug-Freak ist. Er ist ein Versicherungsexperte und ein verdammt guter Geschäftsmann. Er mag vielleicht unser Modell, wie wir mehr als 400 Flugzeuge täglich in aller Welt bewegen, um unsere Anteilseigner zu bedienen. Aber er würde nie nur so zum Spaß in der Gegend herumfliegen.

Ein Jet wie die "Citation Encore" kostet rund zehn Millionen Dollar. Für ein Achtel des Preises kann der Anteilseigner jährlich 100 Flugstunden buchen
mm.de: Die Flugzeugbranche ist nicht erst seit dem 11. September ein sehr schwieriges Geschäft. Auch Netjets hat unter der schwachen Konjunktur zu leiden. Woher kommt die Hoffnung auf starkes Wachstum?

Santulli: Die großen Wachstumschancen liegen für uns in Europa. In Amerika sind wir etabliert, doch Europa ist ein noch unberührter Markt. Die meisten großen Unternehmen in Amerika haben ihre eigenen Flight Departments, mit denen wir konkurrieren müssen. In Europa sind solche eigenen Abteilungen die Ausnahme. Unser besonderes Augenmerk gilt Deutschland, Frankreich und Russland. Nehmen Sie zum Beispiel die mittelständischen Unternehmer in Deutschland - sie haben Geschäftsverbindungen in der ganzen Welt und sind viel unterwegs. Als Anteilseigner können sie an jedem Ort, in Europa oder Amerika, auf Jets unserer Flotte zurückgreifen. Ein Jet kostet zehn Millionen Dollar, doch ich sichere mir Zugriff schon ab 1,25 Millionen Dollar.

mm.de: Ein Hauch von Luxus - lassen sich so Kunden ködern?

Santulli: Es geht dabei nicht so sehr um Prestige, sondern um Zeitersparnis. Ich kann an einem Tag zwei bis drei Städte in Europa besuchen und dennoch zum Abendessen zu Hause sein. Das bedeutet steigende Produktivität für das Unternehmen. Da etwa 70 Prozent unseres Kundenwachstums auf Empfehlungen zufriedener Kunden zurückgeht, wollen wir so schnell wie möglich die "kritische Masse" an Kunden in Europa erreichen. Ich bin zufrieden, wenn wir in Europa 200 Anteilseigner pro Jahr gewinnen - bei der Größe und der wirtschaftlichen Aktivität in Europa dürfte das erreichbar sein.


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