Samstag, 24. Februar 2018

Bulthaupt-Kolumne Die Vertrauensfrage

Die Risikoprämie von Aktien liegt noch immer deutlich über dem konjunkturell bedingten Niveau. Unternehmen müssen das Vertrauen der Anleger zurückgewinnen - strengere Regeln allein reichen dafür nicht aus.

Der Dax mag die 3000er-Marke noch nicht nachhaltig nehmen. Vor einem Jahr, also drei Wochen vor dem "Fall Worldcom", notierten die Kurszettel noch einen Stand von gut 4500 Punkten.

  Frank Bulthaupt , Aktienmarktexperte der Dresdner Bank, schreibt regelmäßig für manager-magazin.de
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Frank Bulthaupt, Aktienmarktexperte der Dresdner Bank, schreibt regelmäßig für manager-magazin.de
Offensichtlich belasten seitdem Vertrauenslücken den Erholungspfad der Aktien. An punktuellen, administrativen Maßnahmen zur Eindämmung von Grauzonen und Betrug - vom Sarbanes-Oxley-Act des US-Kongresses bis zur Marktmissbrauchsrichtlinie der EU-Kommission - hat es nicht gemangelt. Vielmehr offenbart sich jetzt ein grundsätzliches Problem: Braucht der Markt mehr Reglementierung, um die Vertrauenslücken zu schließen?

Vertrauen als Schmiermittel

Vertrauen - genauer Systemvertrauen - ist ein besonderes Merkmal moderner Gesellschaften. Viele ältere Gesellschaften waren auf Vertrauen als Schmiermittel bilateraler Handlungen nicht unbedingt angewiesen. Wo alles klar geregelt ist - durch Normen, Vorschriften und starre Hierarchien - ist Vertrauen nicht unbedingt notwendig.

Je mehr eindeutig geregelt ist, um so weniger Vertrauen ist notwendig. Erst wenn - wie bei Marktbeziehungen - Unsicherheiten und Risiken ins Spiel kommen, wird Vertrauen zu einem notwendigen Element der Gesellschaft.

Vertrauen reduziert Komplexität ...

Primär auf Vertrauen basierende Gesellschaften gelten als effizienter als durch Zwang und Reglementierung gekennzeichnete. Der Grund: Vertrauen reduziert Komplexität. Eine Welt komplexer Marktbeziehungen wird durch Vertrauen vereinfacht, da man nicht in jedem Moment mit dem Ausbruch des größten Chaos bei seinem Geschäftspartner ausgehen und sich absichern muss.

In diesem Umfeld werden die Handlungen der Beteiligten effizienter. In besonderem Maße gilt dies für das Vertrauen der Eigenkapitalgeber in den unternehmensseitig publizierten Periodenerfolg. Ist dieses Vertrauen vorhanden, so profitieren beide Seiten - Unternehmen und Aktionäre.

... Misstrauen auch!

Was aber, wenn das Vertrauen zerfällt? Der Verlust von Vertrauen auf Grund konträrer Evidenz geht bekanntlich sehr schnell vonstatten. Das Ende des Vertrauens ist typischerweise das Ende jeder Geschäftsbeziehung.

Misstrauen reduziert auf diese Weise Komplexität. Seit den Bilanzskandalen, die vor einem Jahr hoffentlich ihren Höhepunkt erreichten, ist dieses Vertrauen merklich beschädigt und es sollte nicht überraschen, wenn sich seitdem einige Anleger auf absehbare Zeit vollständig aus Aktien zurückgezogen haben.

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