Samstag, 24. Februar 2018

Die Bulthaupt-Kolumne Warten auf den Hahnenschrei

Der Irak-Konflikt lastet wie Blei auf den Finanzmärkten. Aber in der gegenwärtigen Krise gibt es auch Chancen. Eine schnelle Beendigung der Irak-Krise könnte das Ende der Finsternis an den Börsen einläuten.

Die derzeit stärkste Belastung für die Kapitalmärkte stellt zweifelsohne die geopolitische Unsicherheit um den Irak-Konflikt dar. Dieser Konflikt steht für eine Vielzahl sich überlagernder Risiken und Ängste: Ängste vor einem dritten Ölpreisschock mit realwirtschaftlichen Konsequenzen, Ängste vor weltweiten Terroranschlägen, Unsicherheiten bezüglich der Kriegsdauer, der Kriegs- und Nachkriegskosten, Befürchtungen möglicher transatlantischer Verwerfungen mit wirtschaftspolitischen Unwägbarkeiten ...

  Frank Bulthaupt , Aktienmarktexperte der Dresdner Bank, schreibt regelmäßig für manager-magazin.de
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Frank Bulthaupt, Aktienmarktexperte der Dresdner Bank, schreibt regelmäßig für manager-magazin.de
Diese Belastungsfaktoren lähmen nicht nur die Weltwirtschaft. Besonders die Aktienmärkte reagieren sensibel auf jede Neuigkeit über den Irak-Konflikt. So war in den vergangenen Monaten zu beobachten, dass jede Erhöhung der Kriegswahrscheinlichkeit um zehn Prozent die Aktienkurse um zwei Prozent gen Süden schickte.

Ökonomische Daten spielen derzeit im Gegensatz dazu eine untergeordnete Rolle. Dass beispielsweise im vergangenen Jahr die USA mit 4,8 Prozent das höchste Produktivitätswachstum seit 1950 aufwiesen, ließ die Börsen kalt.

Angst vor Ölpreisschock, Terror und langem Krieg

Ein Blick auf historische Parallelen könnte Verständnis für die aktuelle Stimmungslage herbeiführen: Den Finanzmärkten ist in Erinnerung geblieben, dass jede Rezession der vergangenen drei Dekaden mit einem Ölpreisschock oder einem militärischen Konflikt in Verbindung stand. So führten die beiden Ölpreisschocks der siebziger Jahre zu Rezessionen, und auch der Golfkrieg mit einer scharfen Ölpreissteigerung im Jahr 1990 war zeitnah zur Rezession.

Auch die gegenwärtigen Ängste vor einem lang anhaltenden Krieg finden historische Parallelen: Im Juni 1950 entsandte Präsident Truman US-Truppen nach Korea – übrigens auf der Basis einer UN-Resolution. Der Dow Jones gab innerhalb von drei Wochen um 13 Prozent nach. Während der Kuba-Krise 1962 fiel der Dow Jones innerhalb von drei Monaten um 26 Prozent. Zum Vergleich: Allein seit Jahresbeginn gab der Dow Jones um 12,5 Prozent nach, der Dax gar um 27 Prozent.

Wahrscheinlichkeit und Wahrnehmung

Bei den erst genannten Ereignissen handelt es sich immerhin um Konflikte, bei denen nicht nur ein lang andauernder Krieg für wahrscheinlich gehalten wurde. Angesichts der beteiligten Supermächte entstanden seinerzeit sogar konkrete Befürchtungen, dass die Feindseligkeiten der Auftakt zu einem Weltkrieg sein könnten. Offensichtlich standen Weltwirtschaft und Finanzmärkte bereits vor weitaus größeren Unsicherheiten als heute.

Der Golfkrieg 1990/1991, der Kosovo-Konflikt und auch der Krieg in Afghanistan sprechen dafür, dass auch der gegenwärtige Konflikt mir hoher Wahrscheinlichkeit in kurzer Zeit beigelegt ist.

Worst-Case-Szenarien beherrschen die Debatten

Im Gegensatz dazu scheint an den Aktienmärkten gegenwärtig ein Gemenge von Worst-Case-Szenarien die Mutter aller prognoserelevanten Themen zu sein. Dieser Zustand wird wohl noch eine Weile bestehen bleiben. Schließlich kann niemand sein eigener Exorzist sein.

Infolgedessen bleibt nur das Warten auf den morgendlichen Künder eines neuen Tages: Ist der Irak-Konflikt beigelegt, fallen die (ersten) Risikoprämien und die Karawane, die in die Bondmärkte geflüchtet ist, wird Performance-geleitet an die Aktienmärkte zurückkehren.

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