Dienstag, 11. Dezember 2018

Interview "Eine fremde und seltsame Welt"

Die Verurteilung des Bilanzfälschers Bodo Schnabel ist vor allem einer Frau zu verdanken - der Journalistin und Buchautorin Renate Daum, die den Comroad-Skandal aufdeckte. Im Interview erzählt sie, wie es dazu kam.

mm.de:

Frau Daum, Ihre Recherchen haben dazu geführt, dass die Bilanzfälschungen bei Comroad Börsen-Chart zeigen aufgedeckt wurden. In dem Buch, das Sie nun über den Fall geschrieben haben, ist noch einmal nachzulesen, wie konsequent die Analysten und Wirtschaftsprüfer die falschen Zahlen jahrelang abgesegnet haben. Wann wurden Sie misstrauisch?

Renate Daum, Redakteurin bei "Börse online", deckte den Comroad-Skandal fast im Alleingang auf. Ihr Buch "Außer Kontrolle" erscheint Ende Januar.
Daum: Misstrauisch geworden bin ich schon beim Börsengang im November 1999. Damals war es allerdings mehr eine Ahnung ohne konkrete Indizien. Gewissheit wurde daraus erst bei einem Besuch in Asien 2001.

mm.de: Weil Sie feststellten, dass die von Comroad angegebenen Adressen der angeblichen Geschäftspartner nicht existierten?

Daum: Ganz so kann man das nicht sagen. Die Adressen an sich gab es alle. Allerdings waren dort keine Geschäftspartner von Comroad zu finden. In einen Fall war es beispielsweise so, dass die Firma, die unter der angegebenen Adresse ihren Sitz hatte, tatsächlich schon einmal Geschäfte mit Comroad gemacht hatte. Allerdings war die Geschäftsbeziehungen schon längst wieder aufgegeben, um mit einem Konkurrenzunternehmen von Comroad zu arbeiten.

mm.de: Aber es gab doch auch Firmen, die auf Schnabels Liste standen, ohne je mit Comroad Geschäfte gemacht zu haben ...

Daum: So ist es. Mein Lieblingsbeispiel ist immer noch der Fall des Unternehmens-Präsidenten, der laut Schnabels Angaben Geschäftspartner von Comroad war. Im Gespräch mit ihm erfuhr ich, dass er Comroad gar nicht kannte und sein Geld in Wahrheit mit Kettensägen verdiente.

mm.de: Wie hat die Staatsanwaltschaft auf ihre Enthüllungen reagiert?

Daum: Erst mal gar nicht. Ich hatte schon im Juni 2001 in einem Artikel dargelegt, dass die testierten Zahlen nicht stimmen könnten. Für meine Begriffe waren sie viel zu hoch. Eigentlich hätte ich erwartet, dass die Staatsanwaltschaft das interessieren würde, aber das war nicht der Fall. Einige Zeit später habe ich noch mal nachgelegt und geschrieben, dass vermutlich maximal zehn Prozent des angegebenen Asien-Umsatzes erwirtschaftet wurden.

mm.de: Wie war die Reaktion der Justizbehörden?

Daum: Auch das hat nicht gereicht. Selbst unser Hinweis im Januar 2002, dass Schnabel offensichtlich eine falsche eidesstattliche Versicherung abgegeben hatte und die Zahlen sowohl für 2000 als auch für 2001 falsch sind, blieb erst mal ohne Konsequenzen auf Seiten der Justizbehörden.

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