Sonntag, 25. Juni 2017

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Deutsche Telekom Abrechnung in Köln

Die T-Aktionäre haben die Geduld verloren. Vage Versprechungen und laue Aussagen werden mit gellenden Pfiffen quittiert: Telekom-Chef Ron Sommer verkörpert den Fall der einst hochgehandelten Branche. mm.de-Redakteur Kai Lange berichtet live von der Hauptversammlung.

8.30 Uhr:

Köln am frühen Morgen. T-Aktionäre, wohin man schaut. Unmöglich, sie zu verfehlen an diesem sonnigen Morgen im Stadtteil Deutz. Das Messegelände ist gepflastert mit Wegweisern in Magenta, und hunderte Menschen streben lange vor der Zeit dem Eingang der riesigen Köln-Arena zu. Vor genau sieben Jahren hat Konzernchef Ron Sommer die Regentschaft übernommen. Doch die Volksaktionäre sind an diesem Morgen kein selbstbewusst-fröhliches, sondern ein ziemlich angespanntes Volk.

  Pfiffe von den Aktionären:  Telekom-Lenker Ron Sommer musste viel Kritik einstecken
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Pfiffe von den Aktionären: Telekom-Lenker Ron Sommer musste viel Kritik einstecken
"Guten Morgen, ein Wort zur Deutschen Telekom Börsen-Chart zeigen? Welche Fragen haben Sie an Ron Sommer?" Schulterzucken, weitergehen. Einige Lächeln verlegen. Vielen hat es spätestens seit dem Rekordtief, 11,76 Euro in der vergangenen Woche, die Sprache verschlagen. "Fragen zur T-Aktie habe ich viele", sagt ein älterer Mann im Weitergehen, "doch mein Sohn sollte nicht unbedingt erfahren, dass ich sie noch immer halte."

Sie haben viel herunterschlucken müssen, die T-Aktionäre. Sie sind das Rückgrat der deutschen Aktienkultur, massenhaft umworben vor den drei Börsengängen der Jahre 1996, 1999 und 2000. Wer beim IPO vor fünfeinhalb Jahren dabei war, hält seinen Verlust noch in Grenzen. Aktionäre der zweiten und dritten Tranche, 39,50 und 66,50 Euro je T-Aktie, werden noch lange auf ihre Einstandkurse warten müssen. Sie scheinen es eilig zu haben an diesem Morgen, und ihre Geduld ist verflogen. Vor einem Jahr waren es 9000, heute dürften es noch mehr werden.

"Ein Schnäppchen" für Anleger?

Ob ein Teil des aufgestauten Ärgers in der Weite der Köln-Arena verfliegt, wird sich erst bei Beginn der Generaldebatte zeigen: Der Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Dietrich Winkhaus wird die Aktionäre um 10 Uhr begrüßen, bevor Unternehmenschef Ron Sommer gegen 10.20 Uhr mit seinem Rechenschaftsbericht beginnt. Die T-Aktie sei zum Preis von zwölf Euro "ein Schnäppchen", hatte Konzernchef Ron Sommer vor der Hauptversammlung betont: Damit kann er eher bei Neueinsteigern punkten, nicht aber bei der Mehrheit der angereisten Aktionäre. Sie wollen nicht noch mehr T-Aktien, sie wollen ihre Einstandskurse wiedersehen.

9 Uhr: Auch Herr Rother aus Dortmund will zunächst weitergehen. Mehr als 100 Kilometer angereist, Urlaub genommen und keine Fragen an Ron Sommer? "Lass mal", sagt Herr Rother. "Steht doch alles in der Zeitung." Für die Deutsche Telekom ist der Markt extrem transparent: Jede Kleinigkeit, jede neue Zahl wurde in den vergangenen Wochen x-mal durchgekaut, auf die Goldwaage gelegt und meist für zu leicht befunden. Kein Wunder, dass die gutgelaunten Telekom-Teamer, die in ihren Magenta-Shirts die U-Bahn-Aufgänge belagern, auf ihren riesigen Flyern ausschließlich positive Zahlen bringen: "Konzernumsatz plus 15 Prozent, Ebitda Mobilfunk im ersten Quartal verdoppelt", steht dort in dicken Lettern zu lesen.

"Die Zahlen muss Ron Sommer nicht noch mal bringen", sagt Herr Rother. Sommer soll Herrn Rother stattdessen den Glauben zurückgeben, dass die Telekom trotz der massiven Kritik noch eine Zukunft hat. "Er muss mich überzeugen, dass der Laden bald wieder läuft."

9.10 Uhr: Der Strom der Menschen aus Richtung Rhein und Dom nimmt zu. Meist sind es gepflegt angezogene Aktionäre älteren Semesters, die vom Bahnhof Deutz entlang der zahlreichen Telekom-Fahnen Richtung Haupteingang schlendern. Anteilseigener unter 40 Jahren sind die Ausnahme. Aufsichtsratchef Hans-Dietrich Winkhaus soll in 50 Minuten die Versammlung eröffnen.

9.20 Uhr: Die Eheleute Winscholl sind Zeichner der dritten Tranche. Treffer. Rund 80 Prozent Verlust bis heute. Die müssen doch stocksauer sein. "Na ja, die Hoffnungen waren groß, und die Preise für UMTS waren verrückt", sagt Olaf Winscholl, erstaunlich gelassen. "Doch was wäre erst losgewesen, wenn Sommer bei UMTS nicht dabei gewesen wäre? Verrückt waren doch alle", ergänzt seine Gattin.

Die Preise für T-Aktien sind bis Frühjahr 2000 auf verrückte Höhen gestiegen, ebenso wie die Preise für UMTS-Lizenzen und Mobilfunkunternehmen wie Voicestream. Wachsen oder weichen, hieß es damals. Die Hoffnungen sind geplatzt, die Preise purzeln.

Den Aktionären der dritten Tranche hilft auch der Rat vom Onkel aller T-Aktionäre, Manfred Krug, nicht mehr: Die Telekom, die mache das. Mal seien Kurse hoch, mal niedrig, hatte Krug im Vorjahr einen frustrierten T-Aktionär belehrt. Man könne ja auch rechtzeitig verkaufen.

Doch "zeitig verkaufen" wollten Aktionäre wie die Eheleute Winscholl die Volksaktie nicht. Das Papier sollte das Vertrauen der Menschen in die Aktie als langfristig lohnende Anlage stärken. Kaufen und halten, haben Analysten gebetmühlenartig wiederholt. Das ist schiefgegangen. Wer gekauft und gehalten hat, hat Pech gehabt.

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