Samstag, 23. März 2019

Interview "Optionen sind heute ein probates Mittel für Fondsmanager"

Der Zocker an der Börse handelt mit Optionen, der konservative Anleger setzt auf langfristig ausgerichtete Fonds - so lauten die gängigen Vorurteile. In der Praxis haben die Fondsmanager den Terminmarkt längst als wirksames Instrument entdeckt. Wie die Profis Puts und Calls einsetzen, erklärt Andreas Fink. Er ist Sprecher des BVI, der Dachorganisation aller in Deutschland registrierten Fondsgesellschaften.

Andreas Fink, Sprecher des BVI
Andreas Fink, Sprecher des BVI
mm.de:

* Vor zehn Jahren war es noch ein ungeschriebenes Gesetz, dass Fondsmanager auf den "heißen Terminmärkten" nicht agieren. Wie häufig handeln sie heute mit Futures und Optionen?

Fink: Das ist mittlerweile tägliches Geschäft. In den vergangenen Jahren hat sich das Engagement am Derivate-Markt für bestimmte Anlagestrategien nicht nur bewährt, sondern ist inzwischen gar nicht mehr weg zu denken.

mm.de: Was hat zu dieser Entwicklung geführt?

Fink: Zum einen sind die Börsen volatiler geworden, zum anderen haben die Zu- und Abflüsse in Fonds immer größere Volumina erreicht. Hochprofessionelle, schnelle Informationsflüsse und die Globalisierung der Märkte haben dazu geführt, dass Indizes und Kurse in kürzester Zeit stark schwanken. Derivate sind eine Möglichkeit, auf solche Entwicklungen blitzschnell zu reagieren.

mm.de: Können Sie ein Beispiel nennen?

Fink: Notenbankchef Alan Greenspan hält eine Rede, aus der der Fondsmanager positive Effekte auf die Börse heraushört. Dann kann er sekundenschnell einen Future-Kontrakt auf den Benchmark-Index seines Fonds kaufen - und ebenfalls sekundenschnell von einem Anstieg profitieren.

mm.de: Einzelne Aktien zu erwerben dauert in solchen Momenten zu lange?

Fink: Futures sind auch von den Handelsgebühren her günstiger. In einem zweiten Schritt folgt sozusagen die Feinsteuerung. Dann werden natürlich Aktien ge- und verkauft, um das Portfolio neuen Erwartungen oder Strategien anzupassen.

mm.de: Warum kaufen die Fondsmanager keine Zertifikate, die den Index doch eins zu eins abbilden?

Fink: Manchmal tun sie das. Aber erstens ist die Liquidität in Zertifikaten deutlich geringer als bei einem Future. Zweitens liegt der Spread, also die Spanne zwischen An- und Verkaufspreis, bei Zertifikaten meist höher. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass ein Zertifikat immer eine Inhaberschuldverschreibung ist, das heißt, die Bonität des emittierenden Instituts ist zu berücksichtigen.

mm.de: Kann der Profi mehr Kasse halten, wenn er einen Future kauft?

Fink: Genau. Durch die Hebelwirkung derivativer Instrumente kann der Fondsmanager den gewünschten Investitionsgrad im Fonds durch einen in der Regel wesentlich geringeren Kapitaleinsatz erreichen.

mm.de: Kann ein Fonds eine Liquiditätsquote von zehn Prozent angeben, wenn in Wahrheit aber 30 Prozent des Fondsvermögens nicht investiert sind?

Fink: Der Investitionsgrad, also die Partizipation an der Entwicklung eines bestimmten Marktes, kann von der internen Kasseposition abweichen. Bis zu gewissen Höchstgrenzen ist das dem Fondsmanager gestattet. Der entscheidende Vorteil: Er hat die Möglichkeit, auf Schwankungen des Fondsvermögens bequem, preiswert und vor allem umgehend zu reagieren. Stellen Sie sich vor, ein Dachfonds will seine Positionen in einem Fonds auflösen. Dabei kann es sich leicht um mehrere Millionen Euro handeln. Der Verkauf von Futures und das Auflösen des "dazugehörigen" Cash-Bestands dauert nur Sekunden. Müsste der Fondsmanager die Forderung durch den Verkauf der Aktien in seinem Portfolio bedienen, würde das wesentlich länger dauern, weil viele einzelne Positionen betroffen sind, und wäre zudem teurer. Unter Druck größere Aktienpakete zu erwerben oder zu verkaufen ist nicht immer kursschonend möglich. Die Investitionen in Futures oder Optionen sind hier ein probates Mittel, um Zeit zu gewinnen - und trotzdem voll im Benchmark-Index investiert zu sein.

mm.de: Kommt es auch vor, dass Fondsmanager Put-Optionen, also Wetten auf fallende Kurse, kaufen?

Fink: Wenn der Fondsmanager Put-Optionen erwirbt, hat er in der Regel die entsprechende Aktie im Portfolio. Dann nutzt er den Put als Versicherung gegen Kursrückschläge: Fällt die Aktie, kompensiert gleichzeitig der steigende Wert des Puts die Verluste. Steigt die Aktie wie erhofft, kann es sein, dass der Put wertlos verfällt. Der Fondsmanager kann allerdings auch Put-Positionen verkaufen. Dann ist er Stillhalter in Geld und hofft auf günstigere Einstiegschancen. Optionen lassen sich also für risikobewusste, defensive Strategien gut nutzen. Die Profis tun das oft, der Privatanleger nutzt diese Absicherungs-Chance noch viel zu selten.

* mit Andreas Fink sprach mm.de-Redakteur Christian Buchholz

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