Samstag, 27. August 2016

Fehltrade Investor will Eurex anzeigen

Der Fehltrade wirft seine Schatten auf den Aktienmarkt. Die German Asset Managers AG wirft dem Vorstand der Terminbörse Eurex schweren Betrug vor und wird Strafanzeige erstatten. Durch die nachträglich annullierten Geschäfte seien dem Unternehmen hohe Gewinne entgangen.

Ein unerwarteter Kurssturz am Morgen trieb Händler in die Verzweiflung
[M]DPA.mm.de
Ein unerwarteter Kurssturz am Morgen trieb Händler in die Verzweiflung

Frankfurt am Main – Die Fehleingabe, die am Dienstag zu einem Einbruch beim Dax-Future geführt hatte, wird rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Die in Frankfurt ansässige German Asset Managers AG (GAM AG) wird bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen den Vorstand der Terminbörse Eurex stellen. Das erklärte Vorstandsmitglied Carsten Straush gegenüber manager-magazin.de auf Anfrage.

Eine falsche Ordereingabe hatte am Dienstagmorgen den Dax-Future innerhalb weniger Sekunden um rund 16 Prozent abstürzen lassen. Als Folge davon rutschten auch die Kurse am Aktienmarkt selbst kurzzeitig kräftig ab. Die Börse hatte am Nachmittag mitgeteilt, dass die Fehleingabe eine Reihe von Futures-Geschäften ausgelöst habe, die im Rahmen so genannter Mistrade-Regelungen aufgehoben worden seien. Ein Mistrade definiert ein Geschäft, das zu einem nicht marktgerechten Preis zu Stande kommt.

Straush sprach in diesem Zusammenhang von "einem ungeheuerlichen Vorgang". Die Stornierung von Transaktionen erfülle den Straftatbestand des Betrugs. Die G.A.M.A.G hatte am Dienstag in den fallenden Markt hinein gekauft und Futures bestellt. Durch die Annullierung der Geschäfte seien der Gesellschaft, die unter anderem in Hedgefonds investiert, hohe Gewinne entgangen.

Offenbar soll ein Trainee gestern in dem Glauben, ein Testprogramm zu benutzen, den Future um rund 800 Punkte gedrückt haben, hieß es in Frankfurt. Der Urheber für den Kurssturz ist aber immer noch nicht offiziell benannt - die Eurex gab dazu keine Stellungnahme ab. "Da ist auch jetzt noch nicht alles aufgeräumt", sagte ein Händler am Mittwoch. Einige Investoren würden immer noch auf ihren Aktienpositionen sitzen, nachdem die Deutsche Börse am Vortag mitgeteilt hatte, alle Future-Geschäfte, die im Zusammenhang mit der Fehleingabe getätigt wurden, aufzuheben.

Günstiges Geschäft annulliert

"Da haben einige den Future billig eingekauft und die Aktien dagegen verkauft", sagte ein Händler. "Das Future-Geschäft ist jetzt ungültig, aber dafür haben sie eine offene Short-Position in der Kasse (Aktien)." Eine Short-Position bezeichnet einen getätigten Leerverkauf. Der Investor verkauft geliehene Aktien, da er fallende Kurse erwartet. Sinkt der Preis, kauft er die Titel billiger zurück. Experten schätzen den möglichen Schaden auf bis zu 30 Millionen Euro.

Die Dax-Futures sind nach der Verwirrung gestern schwächer aus dem Handel gegangen. Der Dezember verlor 62 auf 5137 Punkte. Nach 54800 umgesetzten Kontrakten lagen das Tageshoch bei 5229 und das Tief bei 5083,5 Punkten. Mit dem "angepassten" Tief hat die Börse den Mistrade bereinigt, der am Morgen den Future um 800 Punkte gedrückt und damit einige Minuten lang Panik verursacht hatte.

"Normale Konsolidierung"

Am Dienstagnachmittag hatte die Börse verfügt, alle Geschäfte unter 5083,5 Punkten seien ungültig. Nun stecke der Future in einer ganz normalen Konsolidierung, wobei die erste Unterstützung bei 5050 bis 5030 und die Schlüsselunterstützung bei 4980 Punkten liege. Nach oben lägen Widerstände bei 5238 und 5393 Punkten.

Tiefer Knick am Morgen

Der Dezember-Kontrakt des Future auf den Deutschen Aktienindex (Dax) war am Dienstag kurz nach Beginn des Aktienhandels um rund 800 Stellen auf 4348 Punkte gefallen. Daraufhin wurde auch der Dax um mehr als 100 Punkte auf 5016 Zähler gedrückt.

Die internationale Terminbörse Eurex, an der der Future gehandelt wird, teilte später mit, den Mistrade-Antrag eines Kunden auf Stornierung des Future-Geschäfts zu überprüfen. Ein Marktteilnehmer sagte, der Vorgang könne im schlimmsten Fall bei allen Beteiligten insgesamt zu Kosten von bis zu 30 Millionen Euro führen.

"Da denkt man gleich an das Schlimmste"

"So allmählich erhole ich mich wieder von dem Schock", sagte ein Händler. Im ersten Moment sei nicht klar gewesen, was den Kurssturz verursacht habe. "Da denkt man gleich erst mal an das Schlimmste", sagte der Börsianer mit Blick auf die Anschläge in den USA vom 11. September und die dadurch damals ausgelösten Kurseinbrüche an den internationalen Finanzmärkten.

Vom Terminmarkt Eurex wurde zunächst keine offizielle Begründung für den Kurssturz genannt. Marktteilnehmer sagten aber, es gebe Gerüchte, wonach ein Händler das Simulationsprogramm für den Eurex-Computerhandel mit dem richtigen Handelsprogramm verwechselt und Futures unlimitiert verkauft haben soll.

"Wir haben gehört, dass es ein Händler in der Ausbildung gewesen sein soll", sagte ein Börsianer. "Man hat wohl ein Testprogramm laufen lassen, und es hat sich als Realität herausgestellt."

Handelsüberwachung prüft den Fall

Eine Sprecherin der Eurex bestätigte auf Anfrage den Eingang eines Mistrade-Antrages eines Handelsteilnehmers. Derzeit werde der Antrag überprüft, hieß es. Um wen es sich bei dem Antragsteller handelte, wollte die Sprecherin nicht sagen.

Wie viele Geschäfte müssen rückabgewickelt werden?

Marktteilnehmer äußerten jedoch ihre Zweifel, dass es einfach wäre, die Geschäfte, die es unmittelbar nach dem möglichen groben Handelsfehler gegeben habe, rückgängig zu machen. Sollte dem Mistrade-Antrag stattgegeben werden, müssten alle Geschäfte, die in Folge des Kursrutsches beim Dax-Future getätigt worden waren, ebenfalls rückgängig gemacht werden, sagte Tobias Voigt, Derivate-Händler bei der DZ-Bank.

"Viele Leute haben nach dem Fall des Future Arbitrage gespielt, das heißt, den billigen Future gekauft und die Kasse (Aktien) dagegen gegeben." Diese Verkäufe am Aktienmarkt müssten dann ebenfalls rückgängig gemacht werden.

Händler sprechen von 1000 Kontrakten

Über die ungefähre Anzahl der verkauften Future-Kontrakte herrschte nach wie vor Unklarheit am Markt. Einige Händler sprachen von einer Größenordnung von 1000 Kontrakten, andere sagten, in Anbetracht der starken Bewegung um 800 Punkte sei eine Anzahl von 5000 Kontrakten eher wahrscheinlich. Ein Londoner Händler sprach von einer sehr geringen Anzahl von gehandelten Kontrakten und führte den Kursrutsch auf wenig Geldkurse (Nachfrage) im Orderbuch zurück.

Bei einer Kontraktanzahl von 1000 Futures auf den Dax und einem Kurssturz von 800 Punkten würde sich das Volumen eines solchen Geschäfts auf rund 20 Millionen Euro belaufen, bei einer Anzahl von 5000 Kontrakten demzufolge auf 100 Millionen Euro. "Es ist recht unwahrscheinlich, dass die Börse diesen Trade rückgängig machen wird", sagte ein Derivatehändler eines US-Geldhauses in London.

Alle Geschäfte unter 5083 Punkten storniert

Der Dax hatte sich am Dienstagmorgen kurz nach dem plötzlichen Kursverfall in etwa wieder auf dem Niveau eingependelt, auf dem er vor dem Future-Sturz notiert worden war. Die Börse hat den Dax-Future-Stand vor dem Mistrade von 5163,5 Punkten zu Grunde gelegt. Davon habe sie die "Initial Margin" von 80 Punkten abgezogen. Alle Geschäfte ab 5083,5 Punkten seien damit gültig, alle unterhalb ungültig.


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