Samstag, 19. August 2017

Verdächtiger kaufte Optionsscheine Aktien-Spekulation als Anschlagmotiv

Aktie von Borussia Dortmund: Börsenmanipulation durch Bombenanschlag

Es ist nicht neu, dass Menschen versuchen, Aktienkurse zu manipulieren - durch Gerüchte oder bewusst gestreute Fehlinformationen. Ziel ist, bei einem Kurssturz abzukassieren. Aber dass jemand Menschen töten will, um einen Aktienkurs nach unten zu drücken, ist eine ganz andere Dimension.

Viel wurde gerätselt über die Hintergründe des Attentats auf den Mannschaftsbus des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund (BVB): Waren es Islamisten? Linksextreme, militante Fußballfans oder Rechte? Doch was nun herauskommt, überrascht maximal. Demnach ging es um etwas ganz anderes: um Geld und Gier.

Es war am Dienstagabend vor einer Woche, als direkt neben dem BVB-Mannschaftsbus drei Sprengsätze in die Luft gingen. Das Team war auf dem Weg vom Mannschaftshotel zum Champions-League-Spiel gegen den AS Monaco, als die Bomben - versteckt in einer Hecke - detonierten. Metallsplitter flogen umher, Scheiben am Bus wurden durch die Wucht eingedrückt. Der BVB-Spieler Marc Bartra wurde an der Hand verletzt, die restlichen Teamkollegen blieben unversehrt, zumindest körperlich.

Drei textgleiche Bekennerschreiben, die Ermittler in der Hecke am Tatort fanden, deuteten erst in Richtung der islamistischen Szene. Doch die Sprache, die Symbolik, der Inhalt - all das wollte nicht recht ins Schema passen. Ermittlungen in diese Richtung liefen ins Leere. Später tauchten noch zwei weitere Bekennerschreiben auf - eines mit linksextremen, das andere mit rechtsextremen Botschaften. Doch auch hier zweifelten die Ermittler.

Verdächtiger Sergej W. kaufte tausende Put-Optionen auf BVB-Aktie

Am frühen Freitagmorgen dann die Wende: Spezial-Einsatzkräfte nahmen im Raum Tübingen Sergej W. fest. 28 Jahre, ein junger Mann mit deutschem und russischem Pass. Er soll hinter dem Attentat stecken. Und das, was die Ermittler bislang zusammengetragen haben, ist Stoff, aus dem sonst nur Filme gemacht sind.

Sergej W. nahm demnach Anfang April einen Kredit in Höhe von mehreren Zehntausend Euro auf, um mit dem Geld ein paar Tage später 15.000 "Put-Optionen" auf die BVB-Aktie zu kaufen. Käufer solcher Optionen spekulieren auf fallende Kurse.

Das System: Sergej W. sicherte sich die Möglichkeit, bis Mitte Juni 15 000 BVB-Aktien zu einem festgelegten Preis zu verkaufen. Der Gewinn hängt dabei vom Kursverlust ab. Und beim Kurssturz wollte der junge Mann den Ermittlern zufolge nachhelfen. Der düstere Gedanke dabei: Wenn Spieler schwer verletzt oder sogar getötet worden wären, hätte das die Aktie des Fußballvereins wohl in den Keller fallen lassen.

Mindestens 15.000 Put-Optionen mit Laufzeit bis Mitte Juni

Den Behörden zufolge kaufte der mutmaßliche Attentäter am 11. Aprilinsgesamt 15.000 Put-Optionen mit einer Laufzeit bis zum 17. Juni. Damit kommen vier von der DZ Bank ausgegebene Papiere mit entsprechenden Tagesumsätzen in Frage. Eines davon hat einen Basispreis von 5,20 Euro. Das bedeutet, dass ein Anleger eine BVB-Aktie während der Laufzeit zu diesem Preis verkaufen darf - unabhängig vom Aktienkurs.

Am Tag des Anschlags auf den Bus stieg der Kurs des Puts mit Basispreis 5,20 Euro auf 0,19 von 0,15 Euro. Bei 15.000 gekauften Stücken ergibt sich daraus ein Einsatz von etwa 2500 Euro. "Wenn die BVB-Aktie auf vier Euro fällt, steigt der Kurs des Puts auf etwas mehr als ein Euro", rechnet ein Derivatehändler vor. "Damit hätte man also 15.000 Euro verdient."

Fiele die BVB-Aktie auf ein Euro, würde dies den Put auf etwa vier Euro treiben. Der große Kurssturz blieb allerdings aus. Am Tag nach dem Anschlag rutschte die BVB-Aktie zunächst um zwei Prozent auf 5,50 Euro ab, drehte dann ins Plus und notierte zeitweise drei Prozent fester. Zum Börsenschluss lag sie 1,7 Prozent höher bei 5,71 Euro. Seither haben die Titel nie weniger als 5,36 Euro gekostet. Für Anleger ist ein Put mit einem Basispreis von 5,20 Euro also ein Verlustgeschäft.

Nach dem Anschlag ein Steak im Teamhotel bestellt

Der junge Mann mietete sich schon zwei Tage vor dem Attentat in das Mannschaftshotel des BVB ein: Er wählte ein Zimmer im Dachgeschoss, mit Blick auf den späteren Anschlagsort. Von dort hätte er wohl die Möglichkeit gehabt, die Bomben per Fernzündung hochgehen zu lassen. Laut "Bild"-Zeitung fiel der Mann den Hotelangestellten nicht nur wegen seiner expliziten Zimmerwünsche auf, sondern auch mit seinem Verhalten am Tag des Anschlags: Während alle anderen Gäste nach der Explosion aufgeregt durch das Hotel gelaufen seien, sei er ganz ruhig ins Restaurant gegangen und habe ein Steak bestellt.

Der Verdächtige hatte vorsorglich auch für eine Woche später noch ein Zimmer in dem Hotel reserviert - für den Termin einer weiteren Partie zwischen dem BVB und dem AS Monaco. Zum Zeitpunkt seiner Buchung war noch nicht klar, an welchem der beiden Termine das Heimspiel in Dortmund stattfinden würde.

Sehr viel ist noch nicht bekannt über diesen Sergej W. - über sein Vorleben, seine Verbindungen, seine Überzeugungen. Eines allerdings sagen die Ermittler schon: Er hat große elektrotechnische Kenntnisse. Offenbar war er Elektriker in einem Tübinger Heizwerk.

Das könnte zu den Sprengsätzen passen: Sie waren professionell gebaut, wurden laut Bundesanwaltschaft auch "zeitlich optimal gezündet". Doch eine der Bomben war einen Meter über dem Boden angebracht - zu hoch, um den Bus mit voller Wucht zu treffen. Die Metallstifte darin flogen zum Großteil über den Mannschaftsbus hinweg und verfehlten so ihr Ziel. Der mörderische Plan ging nicht auf.

"Widerwärtige Form von Habgier"

Ermittler kamen Segej W. über die Optionsgeschäfte auf die Spur. Über mehrere Tage beobachteten und durchleuchteten sie ihn. Am Freitag folgte dann der Zugriff. "Die Beweise reichen tief, der Verdacht ist gewaltig", sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Wenn sich der Vorwurf bestätige, dann handele es sich um eine "besonders widerwärtige Form von Habgier", meint er. Für die Betroffenen ändere sich allerdings nicht viel, sie müssten das Attentat verarbeiten - unabhängig vom Motiv. "Ein Mordanschlag bleibt ein Mordanschlag."

Von Christiane Jacke, dpa

Nachrichtenticker

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH