Mittwoch, 24. August 2016

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Müllers Memo Draghis Reise in das Schattenreich des Euro

Euro-Münze: Aus Inflation wird Deflation. Aus Wachstum wird Schrumpfung. Aus Sparzinsen werden Strafgebühren

Deflationsgefahr: Die Europäische Zentralbank dürfte diese Woche beschließen, noch mehr Geld in die Märkte zu pumpen. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

Die Reise ins Schattenreich geht weiter. Wir sind auf dem Weg in ein wirtschaftliches Paralleluniversum, eine Welt, in der Gewohntes nicht mehr gilt, in der sich vieles ins Gegenteil verkehrt: Aus Plus wird Minus, aus Gut wird Schlecht, aus Richtig wird Falsch. Eine Anti-Ökonomie.

Die Frage ist, ob wir diesen Weg tatsächlich gehen müssen - oder ob wir gerade dabei sind, uns immer weiter zu verirren. Bei seiner Sitzung am Donnerstag (10. März) wird der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) an einer weiteren Verzweigung auf dem Pfad zum Schattenreich stehen.

Bei der Reise in die Tiefen der Anti-Ökonomie zeigen die wirtschaftspolitischen Navigationsinstrumente seltsame Dinge an: Aus Inflation wird Deflation. Aus Wachstum wird Schrumpfung. Aus Sparzinsen werden Strafgebühren. Aber es gibt auch gegenteilige Signale, übersprudelnde Immobilienmärkte beispielsweise.

Zur Person
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Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.
Obwohl die EZB immer mehr Geld in die Märkte pumpt, sinken die Konsumentenpreise: Die Inflationsrate in der Eurozone lag im Februar bei minus 0,2 Prozent. Selbst wenn man Öl und andere Rohstoffe herausrechnet, beträgt die Preissteigerung nur noch 0,7 Prozent - weit unterhalb der angepeilten Rate von 2 Prozent. Auch die langfristigen Inflationserwartungen fallen immer weiter. Das Wachstum ist so schwach, dass die Eurozone immer noch nicht das Produktionsniveau erreicht hat, das vor der Krise herrschte.

So durchleidet Italien einen schleichenden Niedergang. In vielen Ländern Europas ist die Arbeitslosigkeit immer noch hoch, auch wenn sie seit 2013 leicht zurückgegangen ist.

EZB wird nachlegen - und die Reise ins Schattenreich beschleunigen

Was jetzt? EZB-Chef Mario Draghi hat immer wieder verkündet, die Zentralbank werde nicht klein beigeben. Es ist erst drei Monate her, seit die EZB zuletzt ihr Programm zum Aufkauf von Anleihen noch mal aufgestockt hat, auf rund 1,5 Billionen Euro. Außerdem werden Banken, die bei der EZB Reserven parken, mit immer höheren Strafgebühren belastet: Der negative Einlagezins liegt seit Dezember bei minus 0,3 Prozent.

Bei seiner Sitzung am Donnerstag dürfte der Rat der Zentralbank noch mehr beschließen: noch mehr Anleihen vom Markt kaufen, die Strafgebühr auf Einlagen noch weiter erhöhen, vielleicht auch die Banken im Euroraum noch gezielter dazu anregen, mehr Unternehmensinvestitionen zu finanzieren.

Meine Befürchtung ist, dass solche Maßnahmen die Reise ins Schattenreich beschleunigen.

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