Montag, 17. Dezember 2018

Herbert Mai Rücktritt stürzt ÖTV in Führungskrise

Die Schlappe bei der ver.di-Abstimmung ließ ihm keine Wahl. Nach fast sechs Jahren an der ÖTV-Spitze erklärte er seinen Abtritt. Nachfolger soll Frank Bsirske werden, der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Bezirks Niedersachsen.

Leipzig - Auf der Zielgraden ging Mai die Puste aus. Der 53-jährige Marathonläufer konnte die zahlreichen Kritiker auf dem Leipziger Gewerkschaftstag nicht von seiner Vision einer Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) überzeugen.

Rücktrittserklärung: Herbert Mai
DPA
Rücktrittserklärung: Herbert Mai
Dass der Rheinländer und Verwaltungsfachmann die Kunst zu reden und dabei Menschen mitzureißen nicht gerade erfunden hat, war hinlänglich bekannt. Mai setzte auf das Moderieren und Überzeugen, anstatt mit kämpferischen Reden die Solidarität zu gewinnen.

Demontage durch ÖTV-Genossen

Dies wurde ihm auf dem Gewerkschaftstag auch vorgeworfen. Da mahnte Harry Fuchs vom ÖTV-Gewerkschaftsausschuss den Vorsitzenden, Moderieren und kompetentes Führen einerseits und Kämpfen andererseits seien kein Widerspruch. Auch der bayerische Bezirksvorsitzende Michael Wendl versuchte, Mai öffentlich zu demontieren.

Da platzte selbst Mai der Kragen: Emotional wie selten preschte er ans Mikrofon und wies seine Gegner in die Schranken. Die Delegierten dankten mit langem Applaus. Erleichtert müssen sie gedacht haben, "er kann es doch".

Persönliches Schicksal mit ver.di verknüpft

Allerdings hatte Mai vor dem Gewerkschaftstag sein Schicksal als Vorsitzender nie von der Fusion zu ver.di abhängig gemacht - ein Fehler, meinen viele. Denn, so heißt es in ÖTV-Kreisen, hätte er sein persönliches Schicksal mit ver.di verbunden, hätte er vielleicht die notwendige Mehrheit für die Fusion bekommen.

Als aber dann am Dienstagabend das Ergebnis von 65 Prozent bekannt gegeben wurde, stand dem 53-Jährigen der Schrecken im Gesicht geschrieben. Sichtlich geschockt sprach er von einer "schwierigen Situation" und unterbrach den Kongress.

Geplatzter Traum

Auf der anschließenden Sitzung des geschäftsführenden Hauptvorstands soll es hoch hergegangen sein. Mai habe sofort seinen Rücktritt erklärt, hieß es. Diesen Entschluss konnten die ÖTV-Oberen trotz stundenlangen Einredens auf Mai nicht mehr abwenden.

Dabei hatte der Vorsitzende der mit rund 1,5 Millionen Mitgliedern zweitgrößten DGB-Gewerkschaft hinter der IG Metall noch viel vor. Es war kein Geheimnis, dass er auch an die Spitze von ver.di strebte, selbst wenn der bescheidene Mann dies öffentlich nicht sagte. Doch dieser Traum dürfte nun geplatzt sein.

Geschwächt durch Tarifstreit

Geschwächt hatte Mai bereits das Ergebnis der Tarifrunde 2000. Da wurde schon orakelt, der Mann aus Stuttgart habe sein Gesicht verloren.

Denn tatsächlich geschah etwas, was einem Vorsitzenden eigentlich nicht passieren darf: Nach der Schlichtung im Tarifstreit des öffentlichen Dienstes hatte Mai den Kompromiss gepriesen und die Basis aufgefordert, die Vorlage anzunehmen. Doch die Große Tarifkommission stellte ihrem Vorsitzenden ein Bein und votierte gegen den Schlichterspruch.

In der anschließenden Urabstimmung entschloss sich die Basis für Streik. Aber Mai verhandelte nach und verkaufte das Ergebnis als "politischen Erfolg" - und die Basis schluckte es.

Gang durch die Institutionen

Der am 5. September 1947 in Dalheim-Rödgen im Kreis Erkelenz geborene Mai hatte wieder einmal Ausdauer bewiesen. Dass der Mann, der den Marathon schon unter drei Stunden gelaufen ist, Stehvermögen hat, bewies er bereits in seinem Werdegang. Denn an die Spitze der mächtigen Gewerkschaft kam der Realschulabsolvent nach einem langen Gang durch die Institution.

1971 wurde der damals 24-Jährige Bezirksjugendsekretär der ÖTV-Hessen. 1980 avancierte er zum stellvertretenden Bezirksvorsitzenden der ÖTV-Hessen. Zwei Jahre später übernahm er den Bezirksvorsitz, den er in den folgenden 13 Jahren nicht mehr abgeben sollte.

Pragmatischer Reformer

Auf dem ÖTV-Gewerkschaftstag im Februar 1995 schließlich wurde der mittlerweile als pragmatischer Reformer und Modernisierer geltende Mai mit 74,6 Prozent zum Nachfolger von Monika Wulf-Mathies gewählt, die den ÖTV-Vorsitz wegen ihrer Berufung als EU-Kommissarin nach Brüssel aufgab. Auf einem ordentlichen Gewerkschaftstag ein Jahr später wurde Mai in diesem Amt mit 87,4 Prozent bestätigt.

Dieser Weg nahm am Mittwoch ein jähes Ende. Mai betonte, er übernehme die "politische Verantwortung" für die Abstimmung und verwies auf seine Glaubwürdigkeit. Der neuen Führung wünschte er viel Erfolg, die ÖTV zusammenzuhalten. Das werden sie auch brauchen. Denn Mai hinterlässt einen Scherbenhaufen.

Nachfolger gefunden

Mittlerweile hat sich der Vorstand der Gewerkschaft Öffentliche Dienste Transport und Verkehr (ÖTV) am Mittwochabend auf einen Nachfolgekandidaten für ÖTV-Chef Herbert Mai geeinigt. Antreten soll bei der Wahl am Donnerstag der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Bezirks Niedersachsen, Frank Bsirske.

© manager magazin 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH