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31. März 2009, 11:59 Uhr

Juragent AG

Unmut, Untreue, Untersuchungshaft

Von Christoph Rottwilm

Über 80 Millionen Euro hat die Juragent AG angeblich bei Anlegern eingesammelt. Damit wollte sie Gerichtsprozesse gewinnbringend finanzieren. Offenbar klappt das aber längst nicht immer wie versprochen. Das Management stellt sich stumm - und der Ex-Vorstand sitzt in U-Haft, weil er Gelder in Millionenhöhe abgezweigt haben soll.

Hamburg - "Um es vornehm auszudrücken, es gibt Anlass zur Sorge." Der Beirat des dritten Prozesskostenfonds der Berliner Juragent AG ist offenbar um Contenance bemüht. Sein Schreiben an die Anleger lässt dennoch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

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Hintergrund: Privatleute zahlten in den dritten Fonds der Juragent AG, einen geschlossenen Fonds, in den Jahren 2004 und 2005 nach Angaben des Unternehmens gut 31 Millionen Euro ein. Insgesamt platzierte Juragent zwischen 2002 und 2007 vier solche Prozesskostenfonds mit einem Volumen von zusammen angeblich mehr als 80 Millionen Euro.

Die Investmentidee laut Initiator: Mit dem Geld der Anleger sollen für Privatpersonen, die sich die Gerichtskosten nicht leisten können, Prozesse finanziert werden. Voraussetzung sei, dass dabei um mindestens 500.000 Euro gefochten wird. Als Gewinn stellt Juragent eine 30-prozentige Beteiligung an der erstrittenen Summe in Aussicht. Innerhalb von fünf Jahren wollten die Verantwortlichen so eine Rendite von insgesamt 74 Prozent für die Anleger erzielen.

Soweit die Theorie. Was daraus in der Praxis geworden ist, lässt sich zumindest für den Prozesskostenfonds III dem aktuellen Schreiben des Beirats entnehmen, das manager-magazin.de vorliegt. Die Highlights: "Es fehlen dem Fonds aktuell 283 Millionen Euro Finanzierungsvolumen", steht in dem Brief. Seit Februar 2008 seien keinerlei Prozesse finanziert worden. "Laut Prospekt sollten bereits per Ende 2006 Prozessfinanzierungen i. H. von 300 Mio. Euro (...) erfolgt sein", schreibt der Beirat. "Tatsächlich wurden per 31. 12. 2008 nur 29 Mio. finanziert."

Weiter heißt es, das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit für 2008 müsste mehr als 26 Millionen Euro betragen. "Nach heutigem Kenntnisstand wird das Ergebnis gegen Null tendieren."

Schwere Vorwürfe werden auch gegen die Fondsgeschäftsführung sowie das Management der Juragent AG erhoben. Der Beirat habe mit Briefen und Telefonaten versucht, die Geschäfte des Fonds im Sinne der Anleger wieder in Gang zu bringen. Sowohl in einer Gesellschafterversammlung im August 2008 als auch danach gemachte Zusagen seien jedoch nicht eingehalten worden. "Das Ergebnis ist für uns Anleger mehr als frustrierend", schreibt der Beirat - und fordert die Anleger auf, unverzüglich eine außerordentliche Gesellschafterversammlung einzuberufen.

Zu dem, was auf dieser Versammlung beschlossen werden soll, wollte sich der Beirat auf Nachfrage von manager-magazin.de mit Verweis auf die Vertraulichkeit der Fondsangelegenheiten nicht äußern. Eine eventuell bevorstehende Abstimmung über die Auflösung des Fonds bestätigte er nicht - schloss sie aber auch nicht aus.

Von der Juragent AG war zu den Vorwürfen keine Stellungnahme zu bekommen. Schon im vergangenen Jahr wollte die Unternehmensspitze zur Situation des Hauses und der vier Fonds gegenüber manager-magazin.de nichts sagen. Diesmal bleibt auch eine Anfrage dazu, wie die Geschäfte der übrigen drei Fonds laufen, wiederum unbeantwortet.

Eine Ahnung davon vermittelt aber ein Schreiben, das Anleger kürzlich ebenfalls in ihren Briefkästen fanden. Darin teilt die Treuhandgesellschaft der Fonds, die Treukommerz Beratungs- und Treuhand GmbH Steuerberatungsgesellschaft aus Hannover mit, dass für die Fonds II, III und IV aus den garantierten Ausschüttungen von jährlich 6 Prozent in diesem Jahr erstmal nichts wird. Der Vorstand der Juragent AG habe mitgeteilt, dass er entgegen bisherigen Zusagen die finanziellen Mittel dafür "auf absehbare Zeit" nicht bereitstellen werde. Eine Begründung dafür solle folgen.

Es scheint ganz so, als seien die Anleger mit dem erst vor rund einem Jahr eingesetzten neuen Management vom Regen in die Traufe gekommen. Hintergrund: Im Frühjahr 2008 hatte die Juragent ihren kompletten Vorstand "aus wichtigem Grund, mit sofortiger Wirkung" abberufen. Vorstand Mirko Heinen hatte zuvor für Unmut bei Aktionären und Anlegern gesorgt, weil er, so "Finanztest", klammheimlich eine Million Euro aus der Firmenkasse genommen haben soll, um den Mittelverwendungskontrolleur der Juragent-Fonds aus einer Untersuchungshaft zu bekommen. Zudem zeichnete sich bereits ab, dass die Fonds des Unternehmens nicht die versprochenen Ergebnisse bringen würden.

15 Millionen Euro in der Schweiz sichergestellt

Hinter dem "wichtigen Grund", aus dem Heinen seinen Job an der Juragent-Spitze verlor, verbarg sich aber möglicherweise etwas anderes: Schon vor einem Jahr kursierten Gerüchte, wonach Heinen mehrere Millionen Euro aus der Juragent in die Schweiz geschafft haben soll.

Inzwischen hat sich der Verdacht offenbar erhärtet: Wie die Staatsanwaltschaft Berlin gegenüber manager-magazin.de bestätigte, wurde gegen "Mirko H." sowie drei weitere Beteiligte (darunter offenbar auch der ehemalige Mittelverwendungskontrolleur, der einst mit Juragent-Geld aus der Haft erlöst worden sein soll) Anklage erhoben. Der Vorwurf: gewerbsmäßige und bandenmäßige Untreue.

Mirko Heinen als Hauptverantwortlichem werden demnach über 50 Einzeltaten zur Last gelegt, bei denen zwischen Februar 2007 und März 2008 insgesamt rund 16 Millionen Euro aus dem Juragent-Vermögen für eigene Zwecke in die Schweiz transferiert worden sein sollen.

Seit Ende Januar sitzt Heinen nun in Untersuchungshaft - er war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Für die Anleger gibt es indes eine kleine Hoffnung: Immerhin 15 Millionen Euro konnten laut Staatsanwaltschaft in der Schweiz sichergestellt werden.


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