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09. Mai 2005, 15:52 Uhr

Deutsche Börse

Das Ende einer Ära

Von Lutz Reiche und Christian Buchholz

Erstmals ist es Hedge-Fonds gelungen, den Chef eines Dax-Konzerns zu entmachten. Werner G. Seifert geht sofort. Aufsichtsratschef Rolf-E. Breuer folgt dem Vorstandschef der Deutschen Börse zum Jahresende. So schnell werden sich Nachfolger nicht finden lassen, sagen Experten. Sie befürchten die Zerschlagung des Unternehmens.

Hamburg/Frankfurt am Main - Nach dem Sturz von Vorstandschef Werner Seifert durch angelsächsische Finanzinvestoren werde Aufsichtsratschef Rolf-E. Breuer einen Nachfolger für den Chef der Deutschen Börse finden, teilte das Unternehmen am Montag mit. Offenbar schwebt dem Börsenbetreiber ein Kandidat von außen vor. Die Suche dürfte sich nach Einschätzung von Experten aber sehr schwierig gestalten. "Wer sich in diese Löwengrube begibt, geht ein hohes Risiko ein", erklärte ein Kenner der Frankfurter Börse gegenüber manager-magazin.de. Bereits am Montag erklärten Hedge-Fonds sowie als Nachfolger gehandelte Kandidaten, sie stünden für ein Amt bei der Deutschen Börse nicht zur Verfügung.

  Eine Ära geht zu Ende:  Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert (l.) ist zurückgetreten, Aufsichtsratschef Rolf E. Breuer scheidet zum Jahresende aus
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Eine Ära geht zu Ende: Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert (l.) ist zurückgetreten, Aufsichtsratschef Rolf E. Breuer scheidet zum Jahresende aus

Breuer selbst wird Ende des Jahres aus dem Amt scheiden. So mancher Beobachter registrierte die Nachricht mit Kopfschütteln. "Ich halte seinen angekündigten Rücktritt für folgerichtig. Dass er aber erst zum Jahresende seinen Hut nimmt, ist mir schleierhaft", sagte ein Analyst. Man wolle damit "im Interesse des Unternehmens die Phase der kritischen Diskussion mit einigen Aktionären beenden", begründete der Aufsichtsratschef verklausuliert.

"Quasi öffentlich exekutiert"

Das klang ein wenig so, als ob der einflussreichste Mann in der deutschen Finanzwelt seine bislang wohl größte berufliche Niederlage noch nicht so recht erfasst zu haben schien. Fest im Netzwerk der Deutschland AG verankert, hatte Breuer in seiner Funktion als Deutsch-Banker in der Vergangenheit so manche Krise, so manchen umstritten Deal unbeschadet überstanden.

Nun aber hatten bis dato unbekannte Hedge-Fonds zum ersten Mal die Führungsspitze eines Dax-Konzerns in einem atemberaubenden Tempo in die Knie gezwungen, "quasi öffentlich exekutiert", wie ein anderer Analyst anmerkte. Derlei schien bislang unvorstellbar, wohl auch für den erfolgsverwöhnten "Mr. Finanzplatz" Rolf-E. Breuer. Im Aufsichtsrat legten neben Lord Levene drei weitere Mitglieder ihre Ämter nieder. "Nun ist die Globalisierung auch in höchsten Wirtschaftsetagen angekommen", giftete ein Aktionärsschützer.

Sie haben die Hedge-Fonds unterschätzt

Seiferts und Breuers Verdienste um die Deutsche Börse sind unbestritten. Sie machten den verschlafenen Frankfurter Börsenplatz zu der technologisch führenden Börse weltweit und neben London zu dem wichtigsten europäischen Handelsplatz in Europa. Die Deutsche Börse arbeitet seit Jahren hochprofitabel und erwirtschaftet - sicherlich auch Dank ihrer Monopolposition - traumhafte Renditen.

Seiferts und Breuers Kardinalsfehler war es aber, dass sie zum Beispiel den 36-jährigen TCI-Hedge-Fonds-Manager Chris Hohn zunächst nicht ernst genommen und dann auch die Entschlossenheit der Hedge-Fonds in ihrem Aktionärskreis unterschätzt hatten. Nach Einschätzung vieler Kenner der Deutschen Börse spiegelte sich in diesem Verhalten der überheblich wirkende und nicht gerade aktionärsfreundliche Führungsstil des Duos wider.

Am Ende aber hatte die Opposition um TCI ihre Ziele voll erreicht. Zunächst zwang sie den Frankfurter Börsenbetreiber zur Rücknahme des Kaufangebots für die Londoner Börse, dann zur Ausschüttung der Barreserven und zuletzt zum Austausch des Managements.

TCI hält rund 8 Prozent an der Deutschen Börse. Auch am Montag blieb allerdings völlig unklar, welche Ziele der Londoner Hedge-Fonds bei der Deutschen Börse verfolgt. Nur noch 7 Prozent der Anteilseigner der Deutschen Börse kommen derzeit aus Deutschland. Die restlichen Aktionäre sitzen im Ausland, rund die Hälfte allein in Großbritannien.

Kursaufschwung wird nicht anhalten

Die Aktie des Börsenplatzbetreibers gewann 2,58 Prozent auf knapp 62 Euro. Seit TCI massiv Opposition gegen das Management der Börse macht, hat der Titel rund 36 Prozent an Wert gewonnen. Analysten erklärten im Gespräch mit manager-magazin.de die erneuten Zugewinne damit, dass der Markt offensichtlich auf eine höhere Ausschüttung spekuliere als die bislang zugesagten 1,5 Milliarden Euro. "Doch dieser Einmaleffekt ist schnell verpufft, die Unsicherheit wird dagegen weiter ansteigen", warnte etwa das Bankhaus Merck Finck und bestätigte seine Verkaufsempfehlung.

Die schwierige Suche nach einem Nachfolger

Während der noch bis zum Jahresende amtierende Aufsichtsratschef Breuer einen Nachfolger für Seifert finden und dem Aufsichtsrat vorschlagen soll, wird Finanzvorstand Mathias Hlubek die Koordination des Vorstandes übernehmen, hieß es am Montag weiter. Die Suche nach einem geeigneten Nachfolger Seiferts sowie nach neuen Mitgliedern für den Aufsichtsrat könnte sich indes als sehr schwierig erweisen.

"Niemand wollte den Job machen"

Wie manager-magazin.de aus Frankfurter Finanzkreisen erfuhr, hatte die Deutsche Börse bereits im Vorfeld zur letzten Wahl des Aufsichtsrates vergeblich versucht, unter den Großaktionären neue Mitglieder für das Gremium zu gewinnen. "Bereits zu diesem Zeitpunkt war man sich über die Diskrepanz zwischen Aufsichtsrat und der geänderten Aktionärsstruktur bewusst. Aber niemand wollte den Job machen", hieß es aus den Kreisen.

  Ex-Börsenchef Werner Seifert:  Zum Abschied leise Servus
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Ex-Börsenchef Werner Seifert: Zum Abschied leise Servus

Unter den gegenwärtigen Bedingungen dürfte die Suche noch schwerer werden. "Jeder Manager, der sich jetzt in diese Löwengrube traut, muss davon ausgehen, dass die Großaktionäre noch mehr Cash als die versprochenen 1,5 Milliarden Euro sehen wollen. Zugleich aber bleiben sie mit ihren Plänen für die Deutsche Börse hinter dem Berg." Ein Amtsantritt unter diesen Voraussetzungen berge ein erhebliches Risiko, hieß es in den Kreisen weiter.

Kritische Fondsgesellschaften winken ab

Womöglich haben deshalb bereits am Montag Einzelpersonen sowie einige Fondsgesellschaften deutlich gemacht, dass sie für ein Amt bei der Deutschen Börse nicht zur Verfügung stehen. "Wir sind sehr zufrieden mit dem Rücktritt von Herrn Seifert und freuen uns, dass Plätze im Aufsichtsrat für die aktuellen Aktionäre frei gemacht werden, beanspruchen aber selber keinen Platz", sagte etwa David Slager, Direktor des Hedge-Fonds Atticus Capital. Der Fonds zählt zu den opponierenden Aktionären. Ähnlich äußerte sich der Großaktionär Fidelity.

Deka und Union Investment schweigen

Die Fondsgesellschaften DekaBank und Union Investment wollten auf Anfrage von manager-magazin.de weder den Rücktritt Breuers kommentieren, noch die Frage beantworten, ob sie an einem Posten im Aufsichtsrat interessiert seien. Nach bislang unbestätigten Berichten hatte Union Investment seinen Anteil an der Deutschen Börse zuletzt von 5 auf etwa 1 Prozent reduziert.

Auch der lange als Kandidat für die Nachfolge Seiferts gehandelte Reto Francioni, früher Topmanager der Deutschen Börse und heute Chef der Schweizer Börse SWX, steht für das Amt des Vorstandschefs der Deutschen Börse nicht zur Verfügung. "Er hat keine Veränderungsabsichten", bekräftigte ein SWX-Sprecher frühere Aussagen.

Friedrich Merz will sich nicht äußern

TCI hatte zuletzt den ehemaligen CDU-Finanzexperten Friedrich Merz und den Goldman-Sachs-Manager Richard Hayden als mögliche Aufsichtsratsmitglieder ins Gespräch gebracht. Merz, der bei der Anwaltskanzlei Mayer Brown Rowe & May die TCI-Interessen in Deutschland vertritt, hatte dazu erklärt, dass er sich nicht auf eine Kampfabstimmung um den Posten einlassen werde. Am Montag ließ er auf Anfrage von manager-magazin.de über seine Anwaltskanzlei mitteilen, er werde "zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellungnahme zu dem Thema abgeben".

TCI selbst begrüßte die Personalentscheidungen bei der Deutschen Börse. Man freue sich auf "einen ernsthaften Dialog" mit dem Aufsichtsrat hinsichtlich der Benennung eines neuen Vorstandschefs und der Aufsichtsratsmitglieder, hieß es in einer knappen Pressemitteilung. Der schärfste Kritiker der Deutschen Börse verlor aber nicht eine Silbe darüber, ob er denn nun auch selbst Verantwortung übernehmen werde.

Vor diesem Hintergrund beurteilten Experten am Montag die Zukunft der Deutschen Börse mit äußerster Skepsis. "Mit Seifert und Breuer war eine klare Strategie verbunden, ob man die nun gutheißen wollte oder nicht. Jetzt aber wird die Unsicherheit steigen", erklärte ein Analyst im Gespräch mit manager-magazin.de. "Ich würde jetzt aus der Aktie aussteigen."

Manche Frankfurter Aktienhändler äußerten sich sogar bestürzt über die Entwicklung bei dem Börsenbetreiber. "Das ist eine Katastrophe für den Finanzplatz Frankfurt", sagte ein Händler. Die Börse sei "regelrecht vorgeführt" worden. Eine Zerschlagung des Unternehmens sei nun nicht mehr auszuschließen.

  Das Unternehmen Deutsche Börse:  Frankfurter Aktienhändler fürchten das Ende des Unternehmens
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Das Unternehmen Deutsche Börse: Frankfurter Aktienhändler fürchten das Ende des Unternehmens

Bislang hatte sich TCI nie offiziell zu seinen Absichten geäußert. Diskutiert wurde jedoch, ob durch den Verkauf von Konzernteilen der Deutschen Börse noch mehr Geld zur Ausschüttung an die Aktionäre zur Verfügung stehen könnte.

Analysten wollten am Montag eben diese Option nicht ausschließen. Nach dem Führungswechsel sei eine Abspaltung der Abwicklungssparte Clearstream per Börsengang denkbar. Gegen das integrierte deutsche Börsenmodell hatte es vor allem auf internationaler Ebene immer wieder Vorbehalte gegeben.

Aktionäre werden ihre Interessen durchsetzen

Nach Einschätzung von Konrad Becker werden der künftige Vorstand und Aufsichtsrat der Deutschen Börse ihre Entscheidungen jedenfalls deutlich stärker an den Interessen der Anteilseigner ausrichten, erklärte der Analyst von Merck Finck im Gespräch mit manager-magazin.de. Deswegen wollte auch er eine Zerschlagung oder die Übernahme der Deutschen Börse nicht ausschließen: "Das neue Management wird es mit einem sehr selbstbewussten, vor allem auf Profit ausgerichteten Aktionärskreis zu tun bekommen. Wenn diesen Aktionären der Verkauf von Clearstream als sinnvoll erscheint, werden sie versuchen, das durchzusetzen."

Müssen jetzt auch andere Vorstände zittern?

Aktionärsschützer halten es für möglich, dass sich die jüngste Entwicklung bei der Deutschen Börse bei anderen Unternehmen in Deutschland wiederholen könnte: "An solche Aktionärstaten werden wir uns mit der Internationalisierung unserer Aktionärsbasis gewöhnen müssen", sagte Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Gerade Aktionäre aus Großbritannien oder den USA träten viel selbstbewusster auf, sagte Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Analyst Becker wollte der SdK-These dagegen nicht so ohne weiteres folgen. Ein Management das gut arbeite, hohe Gewinne erwirtschafte und zugleich eine gute Aktienperformance vorweisen könne, müsse Hedge-Fonds auch in Zukunft nicht fürchten. Der Fall Deutsche Börse habe gezeigt, dass der Konflikt sich vor allem um strategische Fragen drehte und weniger um die unbestreitbar hervorragende Gewinnentwicklung des Unternehmens.

Vor diesem Hintergrund erwartet der Analyst, dass die Aktionäre deutscher Unternehmen in Zukunft auf eine stärkere Beteiligung an wichtigen Unternehmensentscheidungen drängen werden. "Das Management eines Unternehmens wird sich in Zukunft sehr genau überlegen müssen, ob eine Akquisition wirklich Sinn macht, ob sie die Erträge steigert und auch die Aktionäre davon profitieren werden." Expansion durch Zukäufe und das Schmieden von neuen größeren Konzernen dürfte künftig jedenfalls schwieriger werden.


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