Von Lutz Reiche
Poweleit: Für die Gesetzliche Rentenversicherung kommt es derzeit knüppeldick. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Deutschen steigt jährlich um vier Monate. Mit Blick auf die vergangenen 20 Jahre bedeutet das eine um sechs Jahre verlängerte Lebenserwartung. Das heißt, die Rentenversicherung muss entsprechend auch sechs Jahre länger zahlen. Zugleich haben sich die Geburtenzahlen seit 1970 halbiert. Die Babyflaute grassiert seit 40 Jahren, so dass inzwischen potentielle Eltern und Beitragszahler fehlen.
Erschwerend haben wir jetzt das zweite Jahr in Folge Wanderungsverluste zu verzeichnen, während die Rentenversicherer mit 100.000 Köpfen Wanderungsgewinn kalkulieren. Und schließlich sind die künftigen Einnahmen der Rentenversicherung auch erheblich davon abhängig, ob die verbliebenen Arbeitnehmer am Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig sind. Zu allem Überdruss hat die Politik kein Konzept, wie sie die Probleme angehen will.
mm: Droht Deutschland nun also eine veritable Krise der Gesetzlichen Rentenversicherung?
Poweleit: Eine wachsende Zahl von Schlecht- oder Durchschnittsverdienern zahlt Zwangsbeiträge in die Rentenversicherung, bekommt dafür aber Versicherungsansprüche unterhalb der Grundsicherung. Auf diese Legitimationskrise hat die SPD in der Bundestagsdrucksache 17/1747 deutlich hingewiesen. Wenn unter diesen Umständen ein Gericht die Zwangsmitgliedschaft in der Gesetzlichen Rentenversicherung ganz oder teilweise kippen würde, dann fehlten weit über 100 Milliarden Euro in der Rentenkase. In der Tat: Nach Aktien-, Banken- und Staatsfinanzenkrise könnte uns demnächst die Rentenkrise erschüttern.
mm: Vorsorgeindustrie und Politik rühren seit mehr als zehn Jahren die Trommel für die private Altersvorsorge. Die meisten Menschen tun etwas, müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass die Police oder der Sparvertrag die Lücke kaum schließen werden. Was kann man den Menschen überhaupt noch raten?
Poweleit: Lebensversicherungen können die Löcher noch schließen, wenn Beiträge in ausreichender Höhe eingezahlt werden. Viele Verbraucher mit niedrigem oder durchschnittlichem Einkommen sind aber weder vorsorgefähig noch vorsorgewillig. Sie brauchen dringend einen finanziellen Lebensplan mit Ausgabensenkungen und Einkommenssteigerungen durch nachträgliche, effiziente Qualifizierungsmaßnahmen für den Arbeitsmarkt, damit sie wieder vorsorgefähig werden.
mm: Experten befürchten im Zuge von Finanzkrise und hoher Staatsverschuldung eine steigende Inflation. Inflation ist Gift auch für die Altersvorsorge. Wie hoch schätzen Sie die Gefahr des Kaufkraftverlustes im Alter durch Inflation ein?
Poweleit: Die Inflation kann locker die Hälfte der Altersvorsorge wegfressen. Die niedrigen Zinsen halbieren dann noch einmal den Rest. Für jahrzehntelange übermäßige Staatsverschuldung werden wir noch einen hohen Preis bezahlen.
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