Von Kai Lange
Am schlimmsten ist es, wenn andere Leute Geld einsammeln. Menschen, die zum Beispiel vor einem Jahr ein banales Indexzertifikat auf den Dax
gekauft haben - was weder außergewöhnliche Kreativität noch hohe Intelligenz erfordert. Diese Menschen berichten jetzt von 40 Prozent Kursplus und kommen mit dem Geldzählen kaum nach.
Ähnlich geht es den Kollegen mit dem Siegerlächeln, die vor vier Wochen Aktien von Intel
Der Dax
ist in dieser Woche über 6300, der Dow Jones
über 11.000 Punkte gestiegen. Die wachsende Herde der Bullen jubelt. Konzerne melden steigende Gewinne, Notenbanken pumpen weiter billiges Geld in den Markt. Klingt nach einer Party - wenn man denn dabei wäre.
"Der stetige Aufwärtstrend an den Börsen setzt viele Menschen unter Druck", sagt Joachim Goldberg, Leiter der auf Analyse von Kurstrends spezialisierten Gesellschaft Cognitrend. "Dass die weltweiten Indizes derzeit fast im Wochentakt neue Hochs erreichen, verstärkt das Dilemma."
Goldberg berücksichtigt die menschlichen Schwächen, die bei Entscheidungen von Anlegern eine Rolle spielen. Bei der verhaltensorientierten Finanzmarktanalyse (Behavioral Finance) geht es nicht nur um Gier und Angst, sondern auch um eigene Erwartungen, die sich mit dem scheinbar mühelosen Erfolg des Nachbarn verändern. "Entgangene Gewinne werden fast wie Verluste empfunden", sagt Goldberg: Man hätte die 40 Prozent Gewinn ja auch einstreichen können - wenn man nur rechtzeitig reagiert hätte.
Täglich grüßt das Jahreshoch
Dieses Gefühl stärke die Bereitschaft, höhere Risiken einzugehen. "Die Aussicht, es dem Umfeld gleichzutun und in Zukunft auch selbst hohe Gewinne zu erzielen, stimuliert die Gehirnaktivität in einem stärkeren Maß, als ein tatsächlich erzielter Gewinn", sagt Goldberg.
Für das Anlageverhalten bedeutet das: Wer in den Aktienmarkt eingestiegen ist, tendiert häufig dazu, Gewinne zu sichern und zu früh auszusteigen. Wer dagegen der aktuellen Rally am Aktienmarkt hinterherläuft, tendiert irgendwann dazu, Risiken auszublenden - weil er nicht abgehängt werden will.
Das Problem: Niemand kauft gern auf einem 18-Monats-Hoch. Es bedeutet, sich einzugestehen, dass man während der vergangenen Monate viele Chancen verpasst hat - und beim nächsten Rücksetzer zu den Ersten gehört, deren Depot ins Minus rutscht.
"Regret Aversion" nennen Vertreter der Behavioral-Finance-Lehre dieses Phänomen. Weil niemand Entscheidungen später bereuen möchte, wartet man lieber auf den nächsten Rücksetzer. Und wartet. Und wartet. Während der Markt weiter davonläuft.
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