Von Lutz Reiche
Widrige Verhältnisse behindern also vielerorts die Schaffung neuer Jobs in dem Maße, wie es andernfalls möglich wäre. Kritische Beobachter sprechen zudem von großen Defiziten im Bereich Humankapital, die sie mittlerweile als größte Gefahr bei der Ausschöpfung des indischen Wachstumspotenzials sehen.
Zwar hat die Regierung angekündigt, innerhalb des laufenden Fünfjahresplans ihre Bildungsausgaben auf 6 Prozent des BIP zu verdoppeln. Doch dies wirkt wie der berüchtigte Tropfen auf den heißen Stein: Verfügen doch gerade einmal 5 Prozent der dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte über eine reguläre Berufsausbildung. Bei den unter 30-Jährigen sind es nach offiziellen Angaben lediglich 2 Prozent.
Wird sich unter dieser Perspektive die für den weiteren Wirtschaftsaufschwung von vielen Experten als so wichtig erachtete Mittelschicht Indiens überhaupt schnell genug herausbilden können? Optimisten unter den Indien-Experten bejahen das. Hochrechnungen der Unternehmensberatung McKinsey zufolge werde die indische Mittelschicht bis zum Jahr 2025 um den Faktor zwölf auf 583 Millionen (gegenüber 50 Millionen im Jahr 2005) anwachsen, sagt Invesco-Fondsmanager Shekhar Sambhshivan. Im gleichen Zeitraum werde der Anteil der frei verfügbaren Ausgaben am gesamten Konsum um 52 Prozentpunkte auf 70 Prozent steigen.
Ganz offensichtlich spüren die Unternehmen in Indien bereits jetzt eine deutlich steigende Konsumgüternachfrage, das betrifft sowohl die langlebigen als auch die Konsumgüter des täglichen Bedarfs. Eine Branchenanalyse von Invesco zeigt, dass die Konsumgüterhersteller zwischen Januar 2008 und Oktober 2009 andere Sektoren outperformt haben. Deutlich zugelegt hatten auch die Sektoren Gesundheitswesen, (Informations-)Technologie und Rohstoffe. Eine zeitlich leicht verschobene Sektoranalyse der Fondsgesellschaft Fidelity kommt zu sehr ähnlichen Ergebnissen.
Nicht wirklich überraschend ist vor diesem Hintergrund, dass obige Sektoren zu den Branchenfavoriten der von manager magazin befragten Fondsmanager und Experten zählen. Als Profiteure des Aufschwungs in Indien sehen sie aber ebenso den von der Krise weniger gebeutelten indischen Finanzsektor sowie in der Verkehrsinfrastruktur tätige Unternehmen (zum Beispiel Bausektor) aus. Mitunter gestehen die Anlageexperten dem Finanzsektor sogar starkes Gewicht im Fondsportfolio zu.
Die Börse jedenfalls scheint der indischen Wachstumsstory immer noch Glauben zu schenken. Der indische Leitindex Sensex 30 hat nach zwölf Monaten mit einem Plus von rund 85 Prozent nicht nur Dax
, Dow Jones
, sondern sogar den chinesischen Hang Seng
und den brasilianischen Bovespa hinter sich gelassen.
Lesen Sie am Donnerstag (25. Februar) den vierten und letzten Teil unserer BRIC-Serie: Welche Chancen Investments in China bieten.
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