Von Kai Lange
Kinder warten aufs Christkind, Anleger auf den Kursspurt zum Jahresschluss. Die jährlich besungene Jahresendrally gehört zum Grundinventar an der Börse, sie weckt Hoffnung in dunklen, kalten Dezembertagen. Doch im Gegensatz zum Weihnachtsfest stellt sich die Rally zum Ausklang des Jahres höchst selten ein - je mehr Analysten vorher von ihr künden, desto geringer ist in der Regel die Chance auf Kursgewinne. So gerät auch in diesem Jahr zur Nebensache, ob der Dax
das Jahr 2009 nun bei 5800 oder 5900 Punkten abschließt.
Der Jahresschlusskurs ist eine Randnotiz. Seit März ist der Dax
Anlagedruck entsteht zum Beispiel durch Minizinsen. Wer dem Ratschlag "Cash is King" folgte und seit Januar 20.000 Euro auf dem Tages- oder Festgeldkonto angelegt hat, kann bei einem Zinssatz von durchschnittlich 1,5 Prozent zum Jahreswechsel eine Zinsgutschrift von 300 Euro erwarten - abzüglich Steuern. Das macht wenig Lust auf klassische Zinsanlagen, zumal die Inflation in Deutschland im November bereits wieder leicht gestiegen ist. Die Niedrigzinspolitik der Notenbanken hat Banken gerettet und Börsen gepäppelt, aber sicherheitsorientierten Sparern geschadet.
Neben Festgeldsparern müssen auch Versicherungskunden leiden. Die Erträge aus Lebensversicherungen dürften in diesem Jahr mager sein und gegenüber dem Vorjahr in vielen Fällen sogar sinken - wenn sich der Garantiezins angesichts niedrig verzinster Anleihen überhaupt noch lange halten lässt. Die Assekuranz konnte vom Aufschwung an den Börsen kaum profitieren, denn ihre Risikomodelle zwangen viele Versicherer dazu, ihre ohnehin niedrige Aktienquote kurz vor dem Kursaufschwung weiter zu reduzieren.
Ein drittes Druckmittel, um Sparer in höhere Risiken zu treiben, ist die Warnung vor Inflation. Mittelfristig könnte die gigantische Geldmenge, die Notenbank und Regierungen weltweit in den Kreislauf gepumpt haben, für eine Teuerung von rund 5 Prozent sorgen, warnte in dieser Woche Thomas Mayer, der designierte Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Selbst wenn dies nicht in den kommenden zwei Jahren geschehe, ist das Risiko stark steigender Preise auf mittlere Sicht hoch: Inflation gibt Regierungen die Möglichkeit, ihre riesigen Staatsdefizite abzuschmelzen. Doch gleichzeitig vernichtet sie Sparguthaben.
Sparer könnten daraufhin die Anlagenklasse wechseln und in Gold oder Aktien flüchten: Damit tauschen sie jedoch nur ein Risiko gegen ein anderes, da beide Flucht-Anlageklassen bereits stark gestiegen sind.
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