06.10.2009
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Agrarrohstoffe

"Rückkehr zu den Spitzenpreisen"

Von Simon Hage

2. Teil: "95 Prozent meines Kapitals sind im landwirtschaftsnahen Bereich investiert"

mm.de: Ist diese Einschätzung nicht etwas optimistisch? Zwischen 1990 und heute ging die Wachstumsrate der Produktivität in der Landwirtschaft deutlich zurück.

Richenhagen: In den USA und Europa hat die Produktivität weiterhin zugenommen. Nur in Russland ging sie zurück, weil nach dem Fall des Eisernen Vorhangs jahrelang das Geld fehlte, um in Landtechnik zu investieren. Deshalb liegen dort inzwischen 40 bis 50 Millionen Hektar Ackerland brach. Das wirkt sich enorm auf die Statistik aus. Doch es wird nicht lange dauern, bis diese Brachflächen erschlossen sein werden.

Wolfgang Hirn ist in über 25 Länder auf allen Kontinenten dieser Erde gereist, um sich selber ein Bild von der Ernährungssituation zu verschaffen. Seine Prognose: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Bevölkerungsexplosion, Klimawandel, Verknappung von Anbauflächen und Überfischung ihre dramatischen Auswirkungen auf die Welternährung zeigen werden.

Wolfgang Hirn: "Der Kampf ums Brot. Warum die Lebensmittel immer knapper und teurer werden."; Fischer S. Verlag, August 2009, 282 Seiten, 14,95 Euro Buch bestellen

mm.de: Die Knappheit des Ackerlands wird also den Preis der Agrargüter mittelfristig wieder in die Höhe treiben - und damit Grundnahrungsmittel empfindlich verteuern. Rechnen Sie wieder mit Hungerrevolten, wie wir sie bereits 2008 in Haiti, Indonesien und Bangladesch gesehen haben?

Richenhagen: Ich gehe davon aus, dass sich solche Krawalle wiederholen werden. Die horrenden Preisanstiege des vergangenen Jahres und deren Folgen waren bereits eine Art Warnung. Die Politik muss sich jetzt genau überlegen, wie sie die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung sicherstellen kann. Allein in Afrika, wo wir schon heute ein Versorgungsproblem haben, wird sich die Bevölkerung in den nächsten 20 Jahren verdoppeln.

mm.de: Haben Sie einen Lösungsvorschlag?

Richenhagen: Die betroffenen Entwicklungsländer müssen sich unabhängig machen vom Import der Agrarrohstoffe. Es führt kein Weg daran vorbei, dass sie sich selbst mit den Gütern versorgen, die sie zum Überleben brauchen. Nur so haben sie die Möglichkeit, am globalen Landwirtschaftsboom zu partizipieren. In Ghana beispielsweise können Bauern Traktoren an speziellen Maschinenstationen ausleihen, und damit die Effizienz der örtlichen Landwirtschaft erhöhen.

mm.de: Immer mehr Investoren entdecken Agrarrohstoffe als lukrative Geldanlage. Ist es moralisch vertretbar, auf die Nahrungsmittelknappheit zu wetten - und damit auf die globale Hungersnot?

Richenhagen: Ob das moralisch vertretbar ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich kann nur feststellen, dass viele Anlagegelder in diesen Bereich geflossen sind, und das wird auch in Zukunft der Fall sein. Denn Investitionen in Agrargüter, so viel ist sicher, werden sich in den kommenden Jahren wieder auszahlen. Solange wir den Markt nicht regulieren, wird es somit immer einen spekulativen Anteil an den Rohstoffpreisen geben. Zu einer freien Marktwirtschaft gehört, dass die Menschen auch in Rohstoffe investieren können. Eine restriktive Regulierung solcher Investitionen käme einer Verstaatlichung der Weltwirtschaft gleich.

mm.de: Wie investieren Sie selbst Ihr privates Vermögen?

Richenhagen: 95 Prozent meines Kapitals sind im landwirtschaftsnahen Bereich investiert, zum Teil auch in der eigenen Firma.

mm.de: Sie leben seit 2004 in den USA, haben die dortige Ökonomie eingehend kennengelernt. Wann wird sich das Land Ihrer Ansicht nach von der größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit der Großen Depression erholen?

Richenhagen: Große Teile der amerikanischen Industrie gehen davon aus, dass die USA den Boden ihrer gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bereits erreicht haben. Als Chairman des US-Verbands der Maschinenhersteller (AEM) habe ich einen guten Einblick in die Stimmungslage: Die Amerikaner sind - genau wie ich - gebremst optimistisch, dass sich die Wirtschaft schon im kommenden Jahr wieder deutlich besser entwickeln wird.

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