Von Heike Faller
Was bewunderte ich eigentlich so sehr an ihm? Die Milliarden, die George Soros den Märkten abgenommen hatte, weil er klüger war als die Mehrheit, oder die Milliarden, die er wieder ausgegeben hatte, weil er sich anscheinend um jene Mehrheit sorgte? Seine geistige Unabhängigkeit?
Heike Faller, geboren 1971, besuchte nach dem Abitur die Deutsche Journalistenschule in München. Sie studierte Ethnologie und Germanistik und war für "Brigitte", "Geo" und das "SZ Magazin" tätig. Seit 1999 arbeitet sie als Redakteurin im Ressort "Leben" der "Zeit". 1997 erhielt sie den Axel-Springer-Preis für Nachwuchs-journalisten und 2006 den Emma-Journalistinnen-Preis.
Vielleicht war es sein ewiges Lächeln, das ich aus Fernsehinterviews kannte und von dem unklar war, aus welcher Quelle es sich eigentlich speiste. Lächelte er über die menschliche Unvollkommenheit? Sich selbst? Weil er wusste, dass einem Schlimmeres im Leben widerfahren konnte als ein Börsencrash?
Ich mochte ihn, weil ich in ihm den Jungen sah, der mit vierzehn die Identität eines Pfandfinders namens Sandor Kiss angenommen hatte, um der Deportation zu entgehen; es gefiel mir, dass er von seinen Fehlern sprach, als seien es Stärken: seinem mangelnden Talent für die Mathematik, das eine Unilaufbahn verhindert habe, seiner Distanziertheit als Vater und als Ehemann, der Sinnlosigkeit des Geldmachens, die ihm nach seiner Scheidung bewusst geworden sei. Und wie er mit fünfzig versucht habe, seine Schwächen in einer Psychoanalyse zu ergründen, über die er ebenso freimütig Auskunft gab wie über alles andere. Durch den Anschein der Grandiosität, sagte er, habe er eine Scham wettzumachen versucht, die ihm unter den Nazis eingepflanzt worden sei und die, nachdem er sie ans Tageslicht geholt hatte, zerbröselt sei wie ein herausoperierter Gallenstein.
Ich mochte sogar seine Bücher, diese anstrengenden Traktate, ich fand es irgendwie rührend, wie er darin immer wieder auf die "Reflexivität" zurückkam, als glaube er nicht, dass seine Worte jemals irgendwen überzeugen könnten. Seine Kritiker machten sich über seine Texte lustig, und das Allertollste war, dass er diese Kritik einfach annahm. Dabei wäre es an seiner Stelle so naheliegend gewesen, eine Verschwörung neoliberaler Finsterlinge zu vermuten. Stattdessen gab er zu, dass ihm das Schreiben nicht in die Wiege gelegt sei, und heuerte Privatlehrer an, legte seine Manuskripte Philosophen vor, versuchte, sich zu verbessern. Gibt es etwas Großartigeres als einen Menschen, der seine eigene Fehlbarkeit erträgt, aber an den wichtigen Stellen auf dem besteht, woran er glaubt?
Unermüdlich verbreitete er seine Ideen von den Gefahren wild wachsender Märkte, gab viel Geld für die Wahlkämpfe der Demokraten aus, um Bush egal durch wen zu ersetzen. Jahrelang hatte er politisch auf der Verliererseite gestanden, wie bei einer Investition, bei der die Kurse in die falsche Richtung laufen, aber er hatte seine Position nie aufgegeben, und jetzt bekam er recht. Die Systemkrise, vor der er gewarnt hatte, war da, und im Sommer hatte er vor einem Senatsausschuss erklären dürfen, warum die Märkte so labil geworden waren.
Ich las seine Rede und stellte fest, dass er sich wirklich verbessert hatte: seine Argumentation war klarer als je zuvor, das R-Wort tauchte nur vier Mal auf. Nebenbei hatte er noch einmal als Spekulant geglänzt: Sein Quantum Fonds, in dessen Management er zurückgekehrt war, hatte 2008 mit einem Plus von acht Prozent abgeschlossen (die sich in diesem Fall auf 1,1 Milliarden Dollar beliefen).
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