30.07.2009
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"Mein Jahr unter Spekulanten"

"Ich bin auch short in Banken"

Von Heike Faller

4. Teil: "Das ist alles sozialistisch und kommunistisch"

"Steuern und Regeln: Das ist alles sozialistisch und kommunistisch." Er spuckte die Wörter fast aus. "Es widerspricht der Politik des Laisser-faire. War das nicht die Idee des Kapitalismus: dass die Regierung nicht eingreifen soll?" In seinen britischen Akzent mischte sich etwas Hartes, Finnisch oder Norwegisch, dachte ich. London war in den Jahren der Deregulierung zum zweitwichtigsten Finanzplatz nach New York geworden. Aus der ganzen Welt waren Finanzmenschen hierhergezogen und hatten sich neben dem Kleidungsstil und dem Akzent offenbar auch die ganze neoliberale Wirtschaftsphilosophie angeeignet, das Gerede von der unsichtbaren Hand des Marktes, die die Dinge besser regele, als Regierungen das je könnten.

"Wer mir nicht begegnete, waren die kriminellen Gierhälse, denen in Zeitungen und Talkshows jetzt die Schuld am Weltuntergang gegeben wurde."

Der jüngere Typ, ein gut aussehender Anfang Dreißiger, mischte sich ein. "In den Zeitungen siehst du jetzt wieder diese Fotos von Händlern mit dem Kopf in den Händen. Was soll das? Ich denk mir immer: Kommt schon, Jungs, es handelt sich um einen Markt. Es geht rauf, es geht runter, und wenn es eine Zeitlang raufgegangen ist, dann wird es möglicherweise wieder runtergehen, das ist der Lauf der Dinge."

Seine Brust blähte sich, er hatte etwas von einem Gockel. Angeblich hatte er irgendetwas Geisteswissenschaftliches studiert und dann vor ein paar Jahren in der City angefangen. "Banking kann jeder" war seine Devise. "Volkswirtschaft ist einfach nur gesunder Menschenverstand." Irgendwann sei er arbeitslos geworden, habe aber schnell wieder einen neuen Job gefunden. Er streute Zitate ein, die angeblich von Dante stammten, was seinen Kompagnon dazu bewegte, ihn bewundernd von der Seite anzuschauen. "Solche Weisheiten bekommst du in der ganzen City von ihm zu hören", sagte er.

Ich erwähnte die Regulierungswelle, die nun über das Bankenwesen kommen würde. "Politiker treffen keine guten Entscheidungen", murmelte der Gockel schlecht gelaunt. "Sie machen Kompromiss über Kompromiss über Kompromiss." (...)

Über das Wochenende blieb ich in London und ließ mich von einem Banker zum nächsten weiterreichen. Ich traf eine Frau Anfang dreißig, die Vizepräsidentin bei Lehman Brothers gewesen war und die ungefähr so aufwendig geschminkt war wie Cate Blanchett in ihrer Rolle als Elisabeth I. Sie war die Erste, die ich traf, die ihren Job an die Krise verloren hatte, und die Einzige, die dafür war, dass die Regierungen dem Wüten des Marktes Einhalt geboten. Ich trank Kaffee mit Rob Haines, einem Amerikaner von clintoneskem Charisma, dem hier eine kleine Fondsfirma gehörte. Ich verabredete mich mit Mathematikern, die immer noch überrascht wirkten, dass man ihnen jahrelang Millionen dafür bezahlt hatte, dass sie taten, was sie liebten. Ich sprach mit einem ehemaligen Linguisten, der als Analyst in einer Bank untergekommen war und weniger über volkswirtschaftliche Zusammenhänge wusste als ich.

Wer mir nicht begegnete, waren die kriminellen Gierhälse, denen in Zeitungen und Talkshows jetzt die Schuld am Weltuntergang gegeben wurde. Meine Gesprächspartner redeten mit einer Mischung aus Selbsthass und Verblüffung über den Crash. Ja, die niedrigen Zinsen hatten die Banken und Fondsmanager ermutigt, Geschäfte zu machen, die unter normalen Bedingungen nicht funktionieren konnten. Sicher, die Risiken waren verrückt hoch gewesen, wie man jetzt wusste, aber hatte man das auch vorher wissen können? Ja, das Gehaltssystem der Banken war auf kurzfristige Erfolge angelegt, ermutigte die Mitarbeiter dazu, Risiken einzugehen, die nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit irgendwann mit dem Totalverlust bestraft würden. Dennoch hatte keiner der Leute, die ich traf, in seinem Job, an seinem Schreibtisch je das Gefühl gehabt, dass er oder sie genau das tat: unangemessene Risiken eingehen.

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