Von Heike Faller
Es war acht Uhr morgens, und ich beobachtete, wie Männer in Anzügen und Frauen in eng geschnittenen Kostümen die letzten Stufen ans Tageslicht nahmen, wie sie von der hellen Sonne eines traumhaften Septembermorgens erfasst wurden, um sofort weiterzuhasten, fast wie in einem alten Stummfilm. Gehetzt von den abstürzenden Kursen? Ich suchte nach Zeichen der Katastrophe, aber ich fand keine. Die Gesichter der Frauen waren sorgfältig geschminkt, die Krawatten der Männer ordentlich gebunden, und der eine oder andere trug sogar eine Golftasche über der Schulter. Auch am Ende einer der schlimmsten Wochen, die die Finanzmärkte seit der Großen Depression erlebt hatten, begann am Freitag das Wochenende.
Heike Faller, geboren 1971, besuchte nach dem Abitur die Deutsche Journalistenschule in München. Sie studierte Ethnologie und Germanistik und war für "Brigitte", "Geo" und das "SZ Magazin" tätig. Seit 1999 arbeitet sie als Redakteurin im Ressort "Leben" der "Zeit". 1997 erhielt sie den Axel-Springer-Preis für Nachwuchs-journalisten und 2006 den Emma-Journalistinnen-Preis.
Ich hatte mir die Katastrophe aus der Nähe ansehen wollen und Björn gebeten, ein paar E-Mails an Geschäftsfreunde in London zu schicken. So war ich schließlich beim Manager einer kleinen Finanzfirma gelandet, der mir erlaubte, seinen Händlern ein paar Tage über die Schulter zu schauen. Das Unternehmen trug den unauffälligen Namen "SVS Securities" und verkaufte irgendein neu aufgelegtes Finanzprodukt, das sich "Contracts for Difference" nannte und das offenbar ähnlich funktionierte wie Optionsscheine.
SVS war nicht gerade der Nabel der Finanzwelt, aber ich war dankbar, dass es in so einer Woche überhaupt Leute in der City gab, die mit mir sprechen wollten. Von der U-Bahn-Station lief ich durch die engen Gassen rund um die Bank of England, den Ort, an dem der Aktienmarkt vor dreihundert Jahren erfunden worden war, zu der Zeit, als Tauchglockenunternehmen und Überseegesellschaften die Menschen an die Börse getrieben hatten.
Das Büro von SVS Securities lag im Erdgeschoss eines zweistöckigen Altbaus, umstellt von Hochhäusern. Torben Friis, der dänische Manager, holte mich am Empfang ab. Mit der Geste eines stolzen Zoodirektors öffnete er kurz die Tür zu seinem "Trading Floor". Ich sah junge Typen in weißen Hemden, die im Stehen telefonierten, Geschrei, Durcheinander. Dann schloss er den Raubtierkäfig wieder, und wir gingen in einen Park um die Ecke, um darüber zu reden, was der Tsunami übrig gelassen hatte.
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