Von Heike Faller
"Karo zu Nadelstreifen. Würde ein Account Manager sich nie erlauben." Dann hob er einen Fuß, der in einem polierten Budapester steckte. "Aber meine Schuhe sind okay." Juhas Schuhe hingegen waren abgewetzt und ein wenig abgetreten. Aber mehr noch als sein Äußeres überraschte mich seine totale Offenheit in Gelddingen. In den ersten Minuten unseres Kennenlernens hatte ich ihm von meinem Projekt erzählt, einen Geldbetrag innerhalb eines Jahres zu verdoppeln. Er hatte nur ernst genickt: "Verdoppeln. In einem Jahr. Okay. Lass mich nachdenken." Dann hatte er die Augen geschlossen, ein paar Sekunden geschwiegen und schließlich gesagt: "Ich kenne eine Papiermühle in Nordfinnland. Sie ist extrem unterbewertet. Sie hat ernste Probleme. Der Kurs ist stark gesunken. Wenn sie überlebt, sind 50 Prozent Rendite möglich. Für 100 Prozent brauchst Du Leverage. Kennst Du Leverage?" Ich nickte stolz.
Der Begriff war mir bereits begegnet, als ich mich mit der Immobilienkrise beschäftigt hatte. Leverage bedeutet, durch Aufnahme eines Kredits die Rendite seines Eigenkapitals zu erhöhen. Bis vor kurzem hatte ich geglaubt, dass Schulden ein großes Unglück sind, eine Notlösung, zu der man gezwungen ist, wenn einem das Geld ausgeht. Aber bei meinen ersten Schritten als Finanzinvestorin war mir aufgegangen, dass die größten Schuldner die Reichen waren, weil sie hofften, durch die Aufnahme von Fremdkapital noch mehr Geld zu verdienen, eine Technik, die man "Leveraging" nennt. Sie funktioniert etwa so: Angenommen, ein Fondsmanager investiert 100 Euro und macht einen Gewinn von 11 Euro. Dann hätte ihm sein Kapital eine Rendite von 11 Prozent beschert. Diese könnte er sogar noch erhöhen, wenn er zusätzlich zu den 100 Euro noch einen Kredit von, sagen wir, 200 Euro aufnehmen würde, zu 10 Prozent Zinsen. Das eingesetzte Geld, insgesamt 300 Euro, brächte ihm ebenfalls eine Rendite von 11 Prozent. Dann hätte er 33 Euro verdient, von denen er 20 Euro Kreditkosten abziehen müsste. Summa summarum hätte er also, dank Leverage, 13 Euro gemacht und auf sein eingesetztes Eigenkapital, 100 Euro, eine Rendite von 13 statt 11 Prozent erzielt.
Hedgefonds, Banken, aber auch Hauskäufer machen sich diese Hebelwirkung von Fremdkapital zunutze, eine Technik, die sich immer dann aufdrängt, wenn die Kreditzinsen besonders niedrig sind. Auch Juha erwähnte Alan Greenspans Politik des billigen Geldes, die dazu geführt habe, dass sämtliche Investoren in den letzten Jahren mit extrem viel Fremdkapital operiert hätten. Was natürlich nur dann funktioniere, wenn die Rendite tatsächlich höher ausfalle als die Kreditkosten. Im umgekehrten Fall, wenn sich die Kreditzinsen verteuerten oder der Gewinn nur ein klein wenig sinke, werde aus dem Wunderwerkzeug Leverage schnell ein Bankrott.
"Das klingt nicht so, als ob ich das nachahmen sollte", sagte ich.
"Aber ohne Leverage wirst Du 100 Prozent nicht schaffen." "Schulden sind mir unheimlich", sagte ich. Außerdem vertraute ich nach den Erfolgen der letzten Jahren darauf, dass ich auch aus eigener Kraft eine Rendite von 100 Prozent erwirtschaften könnte.
"Ich hätte gerne bald eine halbe Million", hörte ich mich sagen. "Ich will von den Zinsen leben. Ohne jetzt gierig klingen zu wollen, aber hältst Du es für möglich, dass ich aus 80.000 in ein paar Jahren 500.000 machen kann?" Ich weiß nicht mehr, was genau er darauf geantwortet hat. Aber ich erinnere mich, dass seine hellen Augen abenteuerlustig funkelten. Fast so, als betrachte er mich bereits als eine von ihnen: eine Macherin, ein Gewinnertyp, ein Frau mit Unternehmergeist.
Und so fühlte ich mich auch an diesem Abend. Die Frage war nur, warum ich diese Ader in mir so spät entdeckt hatte.
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