"Mein Jahr unter Spekulanten"
"Kennst Du Leverage?"
Von Heike Faller
Geldfragen entlockten Heike Faller lange Zeit nur ein Gähnen. Doch dann startete sie den Selbstversuch. Ihr Ziel: 10.000 Euro in Jahresfrist zu verdoppeln. manager-magazin.de präsentiert Auszüge aus dem Buch "Wie ich einmal versuchte, reich zu werden". Lesen Sie im zweiten Teil, was eine finnische Papiermühle mit dem Leverage-Effekt verbindet.
Sitzen vier Männer an der Bar eines irakischen Fünfsternehotels vor ihren Whiskys. Sie sprechen über den Krieg, die Frauen, die Grundstückspreise in Bagdad. Einer von ihnen bin ich.
Michael Biedowicz
Heike Faller, geboren 1971, besuchte nach dem Abitur die Deutsche Journalistenschule in München. Sie studierte Ethnologie und Germanistik und war für "Brigitte", "Geo" und das "SZ Magazin" tätig. Seit 1999 arbeitet sie als Redakteurin im Ressort "Leben" der "Zeit". 1997 erhielt sie den Axel-Springer-Preis für Nachwuchs-journalisten und 2006 den Emma-Journalistinnen-Preis.
Es hatte mich nach Erbil verschlagen, in die Hauptstadt des kurdischen Irak. Ich war auf der Suche nach einem "Emerging Market", weil ich gehört hatte, dass sich in den neuen aufstrebenden Volkswirtschaften dieser Erde fantastische Gewinne erzielen ließen. Natürlich hatte ich dabei zuerst an China gedacht, denn mir war nicht entgangen, dass die Börsenkurse in Schanghai und Hongkong im letzten Jahr in die Höhe geschossen waren. Kleinanleger hören immer nur von den Preisexplosionen, egal ob es sich dabei um China, Brasilien, Windenergie oder Ölbilder der Leipziger Schule handelt. Aber ich wusste ja um diesen klassischen Anfängerfehler, der sich in der Geschichte ständig zu wiederholen scheint und als dessen ältestes Beispiel die Amsterdamer Tulpenhysterie aus den Jahren nach 1630 gilt. Damals hatte eine Amour fou der Holländer zu der neu importierten Blüte aus dem Orient dazu geführt, dass sich ihr Preis innerhalb weniger Jahre verfünfzigfachte. In den späten Tagen des Wahnsinns wurden Tulpenzwiebeln mit Häusern bezahlt. Bis sich, im Winter 1637, zu den hohen Kursen keine Käufer mehr fanden, die Preise sanken, die Händler Panik bekamen und Tulpenzwiebeln schließlich an einem einzigen Tag 95 Prozent an Wert verloren. Heute wissen wir, dass es die klassische Verlaufskurve einer Marktpanik war, wie sie sich in der Geschichte oft wiederholt hat.
(…) Also suchte ich nach dem nächsten China, nach einem Land, das ein riesiges Wachstumspotenzial hatte, aber von der Masse der Anleger noch nicht entdeckt worden war. Dessen Aktien also billig waren.
"Vietnam ist da, wo China vor fünf Jahren stand", las ich irgendwo.
"China wird sich erholen. Olympia. Der Konfuzianismus. Die schiere Masse an Menschen", erklärte ein Sinologe.
"Es gibt kein nächstes China. Oder fällt dir noch ein unterentwickeltes Land mit einer Milliarde Einwohnern ein, das gerade den Kapitalismus einführt?", sagte Utta.