Von Frank Bulthaupt
Seitens der ungeduldigen Aktienmärkte wird offenbar das optimistische Szenario gewählt und auf das übliche Muster eines Aufschwunges geschlossen: Gewinnmargen können in Kürze ausgeweitet werden; zusammen mit der Belebung der Absatzmärkte entstehen schnell zweistellige Gewinnsteigerungsraten. Diese erhoffte Gewinndynamik hinterlässt auf den vorauseilenden Aktienmärkten deutliche Kurssteigerungen, die sich niemand entgehen lassen möchte.
Der Optimismus der Marktakteure wird auch bei anderen Konjunkturindikatoren sichtbar: Ein Ende des freien Falls bei der US-Industrieproduktion oder ein monatlicher Stellenabbau um nur 350.000 anstatt der erwartete Zahl von 500.000 wird als Bestätigung des eigenen Konjunkturoptimismus gefeiert und von entsprechenden Kurssteigerungen begleitet. Diese Wahrnehmung erinnert teilweise an Nemax-Zeiten.
Kuponzahlung oder Dividendenhoffnung
Dieses Einzelszenario als Treiber für die Kursrally der vergangenen Wochen steht auf sandigem Fundament. Denn die harten Fakten lassen keine solide Basis für eine bevorstehende Erholung erkennen. Eine immer schwächere Kapazitätsauslastung, zunehmende Arbeitslosigkeit, negatives Produktivitätswachstum sowie anhaltende wirtschaftliche Probleme bei den wichtigsten Handelspartnern in Verbindung mit einem trägen Weltwirtschaftswachstum werden in diesem Jahr die gesamtwirtschaftliche Entwicklung weiter prägen.
Die Volkswirtschaft Chinas, deren Konjunkturpakete angesichts staatlich gelenkter Banken offenbar schnell wirken, wird wohl kaum die Rolle einer Konjunkturlokomotive übernehmen können. Vor diesem Hintergrund erwarten internationale Organisationen wie die EZB ein anziehendes BIP erst ab Mitte 2010. Für die Kapitalmärkte wird dann die Entwicklung der Privatwirtschaft von besonderer Bedeutung sein. Durch Abwrackprämie und Co. getunte BIP-Zahlen sind für mittelfristiges Gewinnwachstum und faire Aktienkurse ohne Bedeutung.
Die Investoren haben die Wahl, sich an den gegenwärtig sicherheitsbedachten Bondmärkten mit zugesagten Kuponzahlungen zu orientieren oder den optimistischen Dividendenhoffnungen an den Aktienmärkten zu folgen. Ungeduld ist auch bei Anlageentscheidungen ein schlechter Ratgeber.
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