Von Heike Faller
In einem großen Unternehmen sei es einfacher, einen Fehler zu machen, den alle machten, behaupteten sie, eine Entscheidung gegen die Mehrheit sei schlicht ein größeres Karriererisiko. Diese Erklärung leuchtete mir ein. Und sie gefiel mir ebenso gut wie diese beiden Kleinstadtbanker, die so überhaupt nichts mit den Bankmenschen zu tun hatten, die ich in meinem Leben bis dahin kennengelernt hatte.
"Ich würde die Welt durchkämmen und mich dabei nur von einem Prinzip leiten lassen: der Gewinn-
maximierung. Gab es einen besseren Kompass durch die wilde Welt des Kapitalismus als das Streben nach Profit?"
Bergold ging grinsend zu seiner Schrankwand. Dahinter befand sich ein Tresor von der Größe eines kleinen Kühlschranks. Drinnen lagen Goldbarren und flache Platinplättchen, Silbermünzen und etwas, das mir als Palladium vorgestellt wurde. Die meisten hier hätten ihr Geld so angelegt, erzählten sie, sogar die älteren Mitarbeiter der Abteilung "Geldanlage", die ein Dasein als brave Bankberater gefristet hatten, bevor sie, Bergold und Wolf, die Truppe wachgerüttelt hätten. Der Lehrling betrat den Raum. Er warf einen wissenden Blick auf die Metallberge und bestätigte mir mit roten Ohren, dass auch er ...
Sie kamen mir vor wie eine Sekte. Sie glaubten, dass bald Inflation und Wirtschaftkrisen die Welt heimsuchen würden, dass Banken und Währungen wanken und Kleinanleger um ihr Geld gebracht würden. Ich wusste nicht, ob es wirklich Grund für derartigen Pessimismus gab, mir gefiel einfach das Bayerische, Dickköpfige, ihre Wut über die "drom in Frankfurt" und "drim in Minga", und ich dachte, dass sie damit weiter kommen würden als die servilen Bankberater, denen ich bis dahin begegnet war. Und falls sich irgendwann herausstellen würde, dass wir uns gemeinsam in einen Wahn reingesteigert hatten, dachte ich, dann hätte ich auf dem Weg in den Ruin zumindest eine Menge Spaß gehabt. Ich war bereit, in die Sekte einzutreten.
Ich mietete mir danach ein Schließfach bei den Vereinigten Sparkassen Eschenbach in der Oberpfalz, Neustadt an der Waldnaab, Vohenstauß. Ich kaufte Gold
, Silber, Palladium und Platin. Den Schlüssel für mein Schließfach übergaben sie mir mit der Warnung, dass es auch schon Zeiten gegeben habe, in denen Staaten den Privatbesitz von Gold verboten hätten. Ich fand die Andeutung abwegig, aber interessant. Und so senkte ich schließlich an jenem Hochsommertag im August 2004 meine gesamten Ersparnisse in Form von Edelmetallen in die Tresore der Vereinigten Sparkassen. Wobei meine kleine Anspielung auf 1929 eher ein ironischer Scherz war. (...)
Dann hatte ich selbst eine Krise: In meinem Büro gab es Umstrukturierungen. Mein Ressort richtete sich neu aus. Meine Geschichten waren nicht mehr so gefragt. Ich dachte darüber nach, wie lange ich selbst noch gefragt sein würde und wie weit meine Ersparnisse mich eigentlich tragen würden. Es gab in dieser Zeit vor allem eine Idee, die mich beruhigte: dass ich irgendwann einmal so viel Geld hätte, dass ich davon leben könnte, Geld, das mich unabhängiger von einer Angestelltenexistenz machen würde, deren Fragilität mir plötzlich bewusst geworden war. Ich beantragte und bekam eine Auszeit und nahm mir vor, dass ich ein Jahr lang nichts anderes tun würde, als das Spekulieren zu lernen und darüber zu schreiben. Und ich beschloss, mir ein Ziel zu setzen: Ich würde versuchen, einen bestimmten Betrag - 10.000 Euro - innerhalb von zwölf Monaten zu verdoppeln.
Ich würde mich in die riskante Welt der Termingeschäfte begeben, in der man seinen Einsatz innerhalb von Tagen verlieren oder vervielfachen kann, und vielleicht würde ich an der Rohstoffbörse von Chicago mit Schweinehälften mein Glück probieren. Ich würde Märkte, Messen, Aktienbörsen besuchen. Ich würde die Welt durchkämmen und mich dabei nur von einem Prinzip leiten lassen: der Gewinnmaximierung. Gab es einen besseren Kompass durch die wilde Welt des Kapitalismus als das Streben nach Profit?
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