Von Heike Faller
Ich hatte einmal 40.000 Euro. Jahrelang lag das Geld auf dem Sparkonto, wo es nicht mehr, aber auch nicht weniger wurde. Als ich dreiunddreißig Jahre alt war, kaufte ich davon vierzig Krügerrands, vierzig Kilobarren Silber
, siebenhundert Gramm Palladium
und acht schwere Platten aus Platin
. Eine Sparkassenangestellte in Bayern schob mir das Metall über den Schalter, gefolgt von einer Kassette, in der ich meine Schätze verwahren sollte. Auf knisternden Belegen quittierte ich den Erhalt von Edelmetallen im Wert von 39.414,84 Euro.
Heike Faller, geboren 1971, besuchte nach dem Abitur die Deutsche Journalistenschule in München. Sie studierte Ethnologie und Germanistik und war für "Brigitte", "Geo" und das "SZ Magazin" tätig. Seit 1999 arbeitet sie als Redakteurin im Ressort "Leben" der "Zeit". 1997 erhielt sie den Axel-Springer-Preis für Nachwuchs-journalisten und 2006 den Emma-Journalistinnen-Preis.
Geld, das ich von Zeilenhonoraren und Gehältern auf die Seite gelegt hatte; die Erlöse eines Bausparvertrages, in den meine Eltern für mich einbezahlt hatten; 1500 Euro, die meine Oma, eine Bäuerin aus Oberbayern, jedem ihrer zwölf Enkel hinterlassen hat; Geld, das ich hatte sparen können, weil der Staat und zwei Stiftungen mein Studium und meine Journalistenausbildung mitfinanziert hatten. Sogar die Ersparnisse des orangefarbenen Kindersparbuchs, auf dem ich Kommunionsgeschenke, Geburtstagsüberweisungen und Sparschweinmünzen zusammengetragen hatte, waren irgendwie in diese Metallstücke eingeflossen, die zusammen ziemlich genau in ein Schließfach von der Größe einer Schuhschachtel passten.
Ich legte sacht den Deckel auf das Kästlein, drehte ein Schlüsselchen im Schloss und schob das Behältnis in einen kleinen Lastenaufzug, der, nachdem ich eine Geheimzahl vorgegeben hatte, leise quietschend in die Tiefe wackelte. Als Code wählte ich die Zahl des Jahres, in dem die Weltwirtschaftskrise begonnen hatte: 1929. Ein bisschen so wie damals, so war mir gesagt worden, würde die Welt aussehen, wenn ich eines fernen Tages wieder hier stehen würde, um meine Schätze abzuholen. Klingt irre, dachte ich. Nicht, dass ich es hätte beurteilen können.
Bis zu jenem Tag im Sommer 2004 hatte mich Geld nicht interessiert. Meine Ersparnisse lagen auf dem Sparkonto, und manchmal rief ein Bankberater bei mir an, um mit mir über "Vermögensbildung" zu sprechen, ein Wort, das auf mich eine einschläfernde Wirkung ausübte, die nur von Worten wie "Altersvorsorge" oder "Rentenreform" übertroffen wurde. Ich sagte, dass ich darüber nachdenken würde, aber ich dachte nicht darüber nach. Ich sagte, dass ich zurückrufen würde, aber ich rief nie zurück. Ich befand mich in der luxuriösen Situation, mehr Geld zu verdienen, als ich zum Leben brauchte, noch mehr haben zu wollen, womöglich auf Kosten anderer, erschien mir gierig, vielleicht sogar unmoralisch, schlechtes Karma.
Allein der Ausdruck "sein Geld für sich arbeiten lassen" löste bei mir unangenehme Assoziationen aus. Schließlich arbeitete ich selbst. Und zwar gern. Ich hatte seit Jahren eine sichere und gutbezahlte Arbeit als Redakteurin. Das sollte mir reichen. Es mag arrogant klingen, aber ich konnte in dieser Zeit nicht erkennen, welchen Unterschied fünf oder acht Prozent Rendite, die mir mein Geld im besten Fall einbringen würde, in meinem Leben machen sollten, hatte aber den Verdacht, dass andere Leute es bemerken könnten, und zwar schmerzlich.
Was bedeutete das überhaupt, in einen Fonds zu investieren? Würde ich mich damit nicht mitschuldig machen an Elend und Ausbeutung, also genau den Zuständen, die wir Journalisten anprangern? Woher sollte ich wissen, ob ich auf diese Weise nicht Teilhaberin an einem Waffenproduzenten oder Kinderarbeitsprofiteur würde? Ich habe keine Zeit, dachte ich, auch noch herauszufinden, ob ich mit meinen Investitionen dazu beitrage, anderen das Leben schwer zu machen.
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