Von Arvid Kaiser
Das Problem gäbe es gar nicht, wenn die Fair-Value-Bewertung konsequent genutzt würde, wenden andere Verfechter ein. "Wenn die gesamte Bilanz zu Marktpreisen bewertet wird" und ein Unternehmen an Kreditwürdigkeit verliert, so Thomas Linsmeier von der US-Bilanzbehörde FASB, "dann gibt es einen viel größeren Verlust bei den Vermögenswerten, und nur einen kleinen Gewinn bei den Verbindlichkeiten."
Mit anderen Worten: Eine Bank, die in einer solchen Situation Gewinne auf der Passivseite verbucht, aber keine größeren Probleme auf der Aktivseite der Bilanz aufweist, verschweigt etwas. "Das sollte den Anlegern ein Zeichen geben", sagt Linsmeier.
Von einer vollständigen Bilanzierung zu Marktpreisen sind jedoch alle Banken weit entfernt. In der Praxis haben sie zwischen Anschaffungs-, Modell- und Buchwert großen Spielraum, sich den jeweils günstigsten Bilanzeffekt herauszusuchen. "In den USA können die Banken die Fair-Value-Option nach Gusto ziehen", sagt Bilanzexperte Andreas Barckow.
In Europa sei das anders: "Unter IFRS gibt es dafür einschränkende Bedingungen." Zum Beispiel müsse man sich schon bei Erwerb eines Titels für die Art der Bilanzierung entscheiden und dürfe nicht nach Lust und Laune wechseln. Doch auch diese Bedingungen reichen nicht besonders weit. Bei strukturierten Kreditpapieren, die besonders von Wertverfall betroffen sind, haben auch europäische Banken nahezu unbegrenzte Freiheit.
Und was heißt das für die Erfolgszahlen der meisten internationalen Großbanken zum ersten Quartal? "Ich traue denen eigentlich nicht", sagt auch Barckow, obwohl er sich für die Bilanzierung zu Marktpreisen stark macht. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die plötzlich alle reale Gewinne schreiben." Schließlich sei im klassischen Kreditgeschäft derzeit nicht viel zu verdienen, ebenso mit Aktien und nur wenig mit Anleihen. Bliebe als Quelle des Erfolgs vor allem die Bilanzierung. Doch "Bewertungserfolge sind Eintagsfliegen", warnt Barckow. "Davon werden die Banken auch nicht gesünder."
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