Von Grit Beecken
Hamburg - "Es ist ein etwas anderer Herbst", sagt Markus Baumann von der Zeit-Stiftung, als er die Konferenz des deutsch-britschen Forums der britischen Handelskammer in Deutschland am Mittwoch eröffnet. "Täglich überhäufen uns schlechte Nachrichten, auch wenn sich die Aktienmärkte gerade etwas erholen".
In der Hamburger Bucerius Law School, gerade erst von den Resten der US-Wahlparty befreit, diskutieren Politiker und Wirtschaftsvertreter über die europäische Währungspolitik und die weltweiten Kapitalmärkte - ein weites Feld. Dementsprechend holen auch die ersten Redner, unter ihnen Altkanzler Helmut Schmidt und der ehemalige französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing etwas aus.
Schmidt, die bekannte blaurot gestreifte Krawatte um den Hals, erinnert an fünf Dekaden europäischer Schritte in Richtung einer Gemeinschaftswährung und deren Erfolg. In dieser Zeit habe die Europäische Union (EU) mehr als eine Krise überstanden - beispielsweise den Kollaps des Bretton Wood Systems oder die Opec-Preispolitik in den 70er Jahren.
Im Gegensatz zu damals spielen Währungsspekulationen in der aktuellen Krise keine besondere Rolle. Das Problem sei vielmehr die finanzielle Globalisierung: "In den 70er Jahren sprach noch niemand von Hedgefonds, Derivaten oder außerbilanziellen Risiken", sagt Schmidt, der in zwei Monaten seinen 90. Geburtatag feiern wird. "Es wusste niemand, dass so etwas überhaupt möglich ist. Heute aber wird das alles in hunderttausendfach verschiedener Form verkauft".
Krisenauslöser, so Schmidt, sei zwar gewesen, dass Bankenvorstände und Aufsichtsräte die individuellen Risiken nicht länger verstanden hätten. Schwerer wiege aber, dass die Behörden das aggregierte Risiko nicht durchschaut hätten. "Jetzt tragen wir das Risiko alle gemeinsam". Wenn die staatlichen Garantien nicht ausreichen, um das Bankensystem zu stabilisieren, dann drohe eine globale Rezession oder gar Schlimmeres. Den Inhalt des gar Schlimmeren überließ der Altkanzler der Fantasie seines Publikums.
Die globale Wirtschaft, so Schmidt, benötige eine Korrektur des Spannungsverhältnisses zwischen ölexportierenden und ölimportierenden Ländern und demjenigen zwischen der westlichen und der östlichen Welt. "Die USA sind ein Land, das nicht spart. Sie fungieren als Kapitalimporteur", sagt Schmidt. Andere Länder häufen derweil Währungsreserven in US-Dollar. Wenn der US-Dollar nicht abgewertet würde und die ostasiatischen Währungen nicht steigen, dann sei über kurz oder lang die nächste Krise zu erwarten. Bis dahin aber gelte: Die Regierungen müssen nicht die Finanzsysteme retten, sondern die Realwirtschaft".
Giscard d'Estaing beginnt mit den guten Nachrichten: "Der Euro ist der große Erfolg der vergangenen zehn Jahre". Die Gemeinschaftswährung ist eine der stabilsten Währungen. Das helfe in der Krise, da die EU-Mitgliedstaaten nicht zusätzlich mit Währungsschwankungen zu kämpfen haben. Es sei allerdings wichtig, so der Franzose, klar zwischen der Bankkrise und der nun anschließenden Wirtschaftskrise zu unterscheiden. Erstere sei klassisch spekulativ entstanden und sollte in Kürze beendet sein. Der konjunkturelle Abschwung hingegen, der treffe den Lebensstandard aller Menschen.
Die Banker ruft Giscard d'Estaing auf, zu ihrem eigentlichen Geschäft - der Kreditvergabe - zurückzufinden. "Die Märkte müssen für Angebot und Nachfrage offen bleiben", betont er. "Allerdings bei einem gewissen Maß an Regulation".
Dieses Maß an Regulation beschreibt der ehemalige Präsident: "Eine Person, nah bei der EZB angesiedelt, fungiert als eine Art Sensor, als Alarmgeber". Sie solle die nationalen Notenbanken vernetzen, aber nicht verwaltend tätig sein. Und zwar auf europäischer Ebene.
"Wir sollten keine internationalen Standards erwarten". Verhandlungen über derartige Regelwerke würden lange dauern, und selbst wenn internationale Standards formuliert würden, so sei es "eine Utopie, dass diese implementierbar sind". Giscard d'Estaing spricht klare Worte: "Ich empfehle, das utopische Engagement für globale Regeln einzustellen".
Er sei beunruhigt, so Giscard d'Estaing, über die Gerüchte über Missstimmungen zwischen den Regierungen Frankreichs und Deutschlands. "Deutschland und Frankreich haben das Fundament für die Stabilität des Euro gelegt". An dieser Stabilität sollten sie auch weiterhin zusammenarbeiten.
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