Von Lutz Reiche
mm.de: Herr Gerke, die Kernbotschaft des an die Politik adressierten 98-Punkte-Plans des internationalen Bankenverbandes (IIF) lautet: "Mischt euch nicht ein, wir regeln unsere Probleme selbst." Teilen Sie diese Botschaft?
Gerke: Nein, die Branche hatte viel Zeit, die Probleme selbst aus der Welt zu schaffen. Das ist ihr nicht gelungen. In guten Zeiten mögen Selbstregulierung und Selbstverpflichtung funktionieren. Bei der nächsten Krise aber haben wir es mit den gleichen oder ähnlichen Verwerfungen zu tun. Ich habe da keinerlei Vertrauen. Eines sollten wir auch nicht vergessen: Nachdem die Branche lange gegen den Staat opponierte, muss jetzt letztlich der Steuerzahler die Suppe auslöffeln, die ihm andere eingebrockt haben. Deshalb hat er ein Recht auf eine gute Kontrolle der Banken.
mm.de: Der Präsident der deutschen Finanzaufsicht erklärte, die Finanzkrise sei ein Ergebnis von zwei Jahrzehnten Deregulierung. Wenn die Politik die Banken jetzt gewähren ließe, machte Sie damit den Bock zum Gärtner?
Gerke: Ja, das sehe ich so. Die Schieflagen sind so dramatischer Natur, das Versagen vieler Bankmanager so immens, dass man kein Vertrauen haben kann, dass die Branche die Probleme selbst in den Griff bekommt. Dies geht nur mit mehr Transparenz und stärker zentralisierter Aufsicht. Die meisten Banken agieren international, die Finanzaufsichten national - das passt nicht zusammen.
mm.de: Die Krise sei so nicht vorhersehbar gewesen, heißt es oft auf Bankenseite.
Gerke: Damit redet man sich jetzt gern heraus. Die Krise war vielleicht nicht vorhersehbar für den einen oder anderen, weil es eben keine richtige Beaufsichtigung gab und man die Risiken nur unzureichend überwacht hat. Ich muss mich da wiederholen: Wir brauchen keinen Verhaltenskodex, sondern eine stärkere Aufsicht.
mm.de: Wenn jetzt der IIF in Folge der Krise das Risikomanagement als Teil der Unternehmensstrategie, als Schlüsselaufgabe eines Vorstandschefs erkennt, was sagt Ihnen das?
Gerke: Diese Erkenntnis ist ein Armutszeugnis und kommt Jahrzehnte zu spät. Das Risikomanagement ist eine der wichtigsten Aufgaben des Vorstandes und hätte längst dort an oberster Stellen angesiedelt werden müssen. Das dieser Job Spezialisten braucht, ist klar. Aber die Gesamtverantwortung liegt beim Vorstandchef. Insofern änderte der jetzt vorgeschlagene Kodex an dem, was vernünftigerweise ohnehin in einer Bank gemacht wird, gar nichts.
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