Berlin - Kaum einer kann sich offenbar mehr sicher fühlen vor den Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise. Dieser Eindruck vermittelt sich, wenn man einen Vermerk der deutschen Finanzaufsichtsbehörde BaFin liest, der Reuters vorliegt.
Die Kernbotschaft lautet: Viele Risikopotenziale schlummern noch. Weitere dreistellige Milliardenverluste sind möglich und könnten zunehmend auch Finanzunternehmen außerhalb der engeren Bankbereichs wie Hedgefonds, Versicherungen und andere Fonds treffen. Auch Banken in Asien, etwa in China, die bislang eher am Rande betroffen waren, könnten schmerzhafter berührt werden.
Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) hat ein anschauliches Bild für die Bedrohungslage durch Auswirkungen von Geschäften mit US-amerikanischen Ramschhypotheken gefunden. Er sprach in einem Rundfunkinterview von Risiken aus neuartigen Finanzprodukten, sogenannten strukturierten Produkten, die einen ohne Vorankündigung wie ein "Spring-ins-Feld-Teufel" angreifen. Und dieser Teufel lauert weiter, folgt man der BaFin. Nüchtern listeten die Finanzaufseher bis Mitte März alle veröffentlichten Verluste von Instituten in Verbindung mit der vom US-Hypothekenmarkt ausgehenden Krise auf.
Sie kamen auf ein Verlustvolumen von mindestens 295 Milliarden Dollar. Inzwischen dürfte die 300-Milliarden-Marke weit überschritten sein, denn es gab in den letzten zwei Wochen neue Verlustmeldungen, zuletzt von der BayernLB. Insgesamt könnten die geschätzten Einbußen als direkte Auswirkungen der Krise bei maximal 600 Milliarden Dollar liegen, für realistischer hält die BaFin aber 430 Milliarden Dollar.
Das allerdings ist nach Einschätzung der Finanzaufseher wohl noch nicht alles. "Die indirekten Auswirkungen könnten sogar noch gravierender sein", heißt es in dem Vermerk. Hinzu kämen Verluste in anderen Bereichen des US-Kreditgeschäfts, etwa bei Kreditkarten, Autofinanzierungen, Studenten-Krediten und in anderen Sektoren, die die Krise vertiefen könnten. Die Rede ist von neuen Verlustquellen, die zwar zunächst Finanzinstitute in den USA und in Europa treffen dürften, sich darauf aber nicht unbedingt beschränken müssten.
Da kommt noch etwas
Auch Hedgefonds, Versicherer und andere Fonds könnten stärker in Mitleidenschaft geraten. "Es ist bereits offenkundig, das die Subprime-Krise ihrer Natur nach eine globale ist, die sich auf viele Länder erstreckt hat", befinden die BaFin-Experten. Es handle sich um das erste Mal, dass eine Krise in Kernbereichen des globalen Finanzsektors ein dermaßen großes Ausdehnungspotenzial gewonnen hat und die Realwirtschaft weltweit bedeutsam beeinträchtigt, heißt es.
Als bemerkenswert halten die Experten fest, dass die Verluste aus den Geschäften mit Ramschhypotheken in den USA sich auf relativ wenige Institute beschränken. Auf die fünf am stärksten betroffenen Finanzfirmen entfielen allein 40 Prozent aller Verluste. Insgesamt 30 Institute stellten 80 Prozent der Verluste. Fast 55 Prozent der Verlustsumme entfielen auf die USA, rund 37 Prozent auf europäische und nur sechs Prozent auf asiatische Banken. Besonders betroffen seien große Investmentbanken. Überhaupt seien die Banken mit 80 Prozent die Hauptbetroffenen.
Das deute darauf hin, dass es bei der Krise um ein großes Risiko für das gesamte Finanzsystem gehe. Eine Hoffnung hat sich nach Darstellung der BaFin-Experten möglicherweise ganz nebenbei mit der Krise und ihren Folgen erledigt. Das, was bisher zutage gefördert worden sei, "steht in krassem Gegensatz zu der These, dass Finanzinnovationen per se kräftige Wohlfahrtsaspekte innewohnen, indem sie für eine bessere Verteilung von Risiken sorgen", heißt es in dem Vermerk. Und noch eine Beobachtung ist alles andere als beruhigend: Die Ausfall-Risiken aus laufenden US-Hypothekenverträge bleiben in diesem Jahr wegen absehbar ungünstigerer Konditionen hoch.
manager-magazin.de mit Material von reuters
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