Von Lutz Reiche
mm.de: US-Präsident Bush lädt heute seinen Finanzminster und Fed-Chef Bernanke zur Krisensitzung. Die Notenbank hatte zuletzt angekündigt, dem Markt Kredite in Höhe von 200 Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen. Die Erholung der Märkte währte nur kurz. Jetzt wird spekuliert, die Fed könnte den Leitzins um bis zu 100 Basispunkte senken. Sind die Waffen der Fed allmählich stumpf, ist sie noch Herr der Lage?
Hellmeyer: Die Reaktionen der Finanzmärkte in den vergangenen Monaten verdeutlichen, dass die Fed nicht mehr Herr der Lage ist. Gleichwohl sind die Maßnahmen der US-Notenbank geeignet, die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte positiv zu beeinflussen. Darin sieht die Fed aktuell auch ihre primäre Aufgabe. Tatsache ist, dass Zinssenkungen in diesem ganzen Kontext nur eine untergeordnete Bedeutung haben. Sie heben vielleicht kurzfristig die psychologische Verfassung der Marktteilnehmer, sie gehen aber nicht die strukturellen Probleme dieser globalen Finanzkrise an.
mm.de: Wie müsste das aussehen?
Hellmeyer: Der ordnungspolitische Rahmen müsste sich ändern. Das bedeutet, wir bräuchten eine klare und scharfe Regulierung des Marktes für Derivate ebenso wie eine Regulierung von Hedgefonds und Privat-Equity-Fonds. Politik und Gesetzgeber müssten sich zudem ernsthaft über die Frage Gedanken machen, ob wir uns in einer globalen Welt eine Banken-Aristokratie leisten dürfen, die sich nationalen volkswirtschaftlichen Funktionen jederzeit entziehen kann.
mm.de: Für wie realistisch halten Sie gegenwärtig die Verstaatlichung einer in Not geratenen US-Großbank?
Hellmeyer: Diese Option rückt stärker denn je in den Fokus. Und sie muss gegeben sein, denn die Funktionsfähigkeit der internationalen Finanzmärkte könnte auf dem Spiel stehen. Es kann und darf nicht sein, dass letztlich die globale Realwirtschaft unter dem Fehlverhalten einer ganzen Reihe von Bankvorständen leidet.
mm.de: Niemand will Panik verbreiten, aber wie hoch schätzen Sie akutell die Kollapsgefahr des US-Finanzsystems ein?
Hellmeyer: Die Kollapsgefahr für das US-Finanzsystem ist so hoch wie seit 1929 nicht mehr. Fakt ist, dass in den vergangenen sieben bis acht Jahren die internationale Zusammenarbeit auf der Ebene von G7 bis G10 maßgeblich für Stabilität gesorgt hat - eine relative Stabilität wohlgemerkt. Derzeit entsteht aber der Eindruck, dass US-Notenbank und US-Regierung verstärkt auf unilaterale Lösungen statt internationale Zusammenarbeit setzen. Sollten die Nationen zusehends tatsächlich egozentrische Wege in der Krisenbekämpfung gehen, nimmt das Risiko deutlich zu, dass wir von einer ähnlichen Situation wie 1929 betroffen sein werden.
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