Von Lutz Reiche
mm.de: Herr Kohl, die angeschlagene Citigroup
braucht offenbar
mehr Kapital als bislang bekannt. Das behauptet zumindest Sameer Al Ansari, Chef des Staatsfonds von Dubai. Redet hier ein potenzieller Investor eine Bank tiefer in die Krise, um günstiger an ihre Anteile zu kommen?
Kohl: Das ist gut möglich, aber eben nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil lautet: Die Citigroup hat rund 25 Milliarden Dollar allein in den beiden vergangenen Quartalen abgeschrieben und muss sich dringend frisches Kapital beschaffen. Daran führt kein Weg vorbei.
mm.de: Warnungen über neuen Abschreibungs- und damit auch höheren Kapitalbedarf für US-Banken sprach zuletzt Goldman Sachs aus. Sehen Sie die Gefahr, dass eine der inkriminierten Großbanken im Zuge der Kreditkrise ernsthaft ins Straucheln - sprich an den Rand einer Insolvenz - geraten könnte?
Kohl: Wir glauben, dass sich der weitere Abschreibungsbedarf der Groß- und Investmentbanken in den USA auf Anlagen, die sie in ihrer Bilanz führen, halbwegs in Grenzen halten dürfte. Gleichwohl sind für die US-Finanzindustrie weitere Wertberichtigungen zwischen 100 bis 200 Milliarden Dollar zu erwarten. Die Vermutungen gehen mehrheitlich in die Richtung, dass vor allem jene Institute abschreiben müssen, die nicht jenen strengen Offenlegungspflichten unterliegen wie die Geschäftsbanken - also Versicherungen, Pensionsfonds oder Hedgefonds.
mm.de: Sie sehen die angeschlagenen US-Großbanken also bereits halbwegs aus dem Schneider?
Kohl: Das ist sicherlich nicht der Fall. Der Wertberichtigungsbedarf der US-Banken auf die eigenen Portfolios ist aber mittlerweile vergleichsweise übersichtlich. Gleichwohl ist nicht auszuschließen, dass Kreditkunden der Banken - insbesondere aus der Hedgefondsindustrie - massiv Probleme bekommen könnten, die dann direkt auf die Bilanzen der Investmentbanken durchschlagen werden. Das ist die größte Gefahr, die wir sehen.
mm.de: Nicht nur die Citigroup, auch andere Banken folgten dem Druck der Märkte, nahmen die Risiken aus ihren Zweckgesellschaften in die eigene Bilanz, handelten sich damit prompt ein schlechteres Rating ein, was ihren Kapitalbedarf deutlich erhöht hat. Hätten die Institute hier besser abgewartet?
Kohl: Nein, das war die richtige Entscheidung. Risiken sollten nicht in ein Schattenbankensystem ausgelagert werden, sondern gehören in die eigene Bilanz, wo sie die Finanzmärkte sehen und besser bewerten können. Überall, wo man Risiken ausgelagert hatte, gingen die Risikoprämien in den Keller und waren damit viel zu billig. Die jetzt an den Tag gelegte Transparenz war bitter notwendig und hat zu einer Normalisierung an den Märkten beigetragen.
mm.de: US-Banken versuchen bislang, die Krise auf zwei Wegen zu entschärfen. Sie werben frisches Kapital ein und drehen zugleich an der Kostenschraube. Bei der Citigroup stehen gerüchteweise bis zu 30.000 Stellen zur Disposition. Ist das die richtige Strategie?
Kohl: Viele Alternativen haben die Banken nicht, und das Personal zählt nun einmal zu den größten Kostenblöcken der Institute. Selbstverständlich werden darunter bestimmte Bereiche oder der Aufbau neuer Geschäftsfelder leiden. Aber wenn die Bereinigung der Krise nicht anders finanzierbar ist, und das ist der Fall, dann müssen die Banken eben Personal entlassen.
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