Von Arvid Kaiser
Wie in den 70er Jahren
Die gute Nachricht: Ein Teil der Teuerung lässt sich mit Einmaleffekten erklären. Vor einem Jahr war die Mehrwertsteuer in Deutschland noch 3 Prozentpunkte niedriger, der Ölpreis steuerte auf ein Zwischentief von 50 Dollar je Fass zu. Die heutigen Inflationsraten sind also besonders hoch, weil sie an außergewöhnlich niedrigen Preisen Ende 2006 gemessen werden.
Im neuen Jahr dürfte sich die Lage wieder entspannen. Es sei denn, die Inflation bekommt eine Eigendynamik: Um die gesunkene Kaufkraft auszugleichen, setzen die Gewerkschaften höhere Löhne durch. Die Unternehmen reagieren darauf mit höheren Preisen. Als Lohn-Preis-Spirale ist dieser Mechanismus bekannt, die Zentralbanker sprechen in ihrem Code von Zweitrundeneffekten. Die zu verhindern, sehen sie jetzt als ihre wichtigste Aufgabe an.
Doch für echte Eingriffe fehlen die Instrumente. Schließlich geht es vor allem um Erwartungen der Märkte. Besonders die gefühlte Inflation hat Einfluss auf Lohnforderungen. Denn mit Lebensmitteln und Energie werden ausgerechnet Waren des täglichen Bedarfs teurer. Den Beschäftigten schmilzt reale Kaufkraft weg. Da hilft es wenig, wenn langlebige Güter billiger werden. Für Zurückhaltung der Gewerkschaften spricht nur die Hoffnung, dass die Zentralbanken die Preise im Lauf des nächsten Jahres schon wieder in den Griff bekommen werden.
Deshalb setzen die Zentralbanker auf Appelle. EZB-Chef Jean-Claude Trichet ruft mit der Formel zur Ruhe, der EZB-Rat stehe "bereit, mittelfristigen Aufwärtsrisiken der Preisstabilität zu begegnen". Dennoch rechnen die EZB-Volkswirte damit, dass die Verbraucherpreise im kommenden Jahr um 2 bis 3 Prozent zulegen - was bedeutet, dass "die Periode vorübergehend hoher Inflationsraten etwas ausgedehnter wäre als zuvor erwartet".
Einige Geldpolitiker wie Direktoriumsmitglied Jürgen Stark oder der finnische Notenbankchef Erkki Liikanen zweifeln diese Mitarbeiterprognose offen als noch zu optimistisch an. "Im EZB-Rat sind wir zu einer anderen Einschätzung gekommen: Dass die Risiken für Preisstabilität in der Tat aufwärtsgerichtet sind", sagte Stark. Goldman-Sachs-Chefökonom Jim O'Neill malt ein düsteres Bild für die Zentralbanken: "Im großen Ganzen könnte dieses Jahrzehnt immer noch so werden wie die 70er."
© manager magazin online 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH