Von Arvid Kaiser
Hamburg - Die Europäische Zentralbank ist nur einem Ziel verpflichtet: einem stabilen Geldwert. Den sehen Europas Währungshüter offiziell bei einer Inflationsrate nahe, aber unter 2 Prozent gewährleistet. Wird diese Grenze dauerhaft überschritten, greift die EZB mit höheren Leitzinsen ein. Bleiben die Preise stabil, kann sie die Zinsen senken. Eine überschaubare Aufgabe, möchte man meinen.
Anders als die Kollegen in Washington oder London brauchen sich die Frankfurter Zentralbanker gar nicht erst mit den komplexeren Problemen der Volkswirtschaft wie Konjunktur oder Beschäftigung herumplagen. Wenn eine rigide Zinspolitik der EZB beispielsweise die Arbeitslosigkeit steigen lässt, nimmt vielleicht ihre große Beliebtheit etwas Schaden - ihre Aufgabe hat sie dennoch erfüllt.
Doch ganz so einfach ist es nicht. Auf beiden Seiten des Atlantiks haben es die Notenbanken derzeit mit ähnlich stark steigenden Inflationsraten zu tun, ihre Antworten fallen aber denkbar unterschiedlich aus. Die US-Notenbank Federal Reserve hat am Dienstag den Leitzins um einen weiteren Viertelprozentpunkt auf 4,25 Prozent gesenkt und auf "wachsende Unsicherheit" wegen der Krise an den Finanzmärkten verwiesen.
Ähnlich erklärte die Bank of England ihre Zinssenkung auf 5,5 Prozent vor einer Woche, während die EZB eisern an ihrem Refinanzierungssatz von 4,0 Prozent festhielt - und sich sogar einige Ratsmitglieder für eine Anhebung aussprachen.
Die Inflation in der Eurozone erreichte im November 3,0 Prozent, in Deutschland nach EU-Berechnung sogar 3,3 Prozent. Noch schneller steigen die Verbraucherpreise in den USA, obwohl dort die Häuser billiger werden und die Konsumnachfrage nachlässt. Die Fed lässt das trotzdem kalt, weil ihr Maßstab die Kerninflationsrate ist, die von kurzfristigen Schwankungen frei sein soll. Darin sind die Preise für Lebensmittel und Energie nicht enthalten. Gerade die treiben aber derzeit die Verbraucherpreise nach oben.
Solange die Butter-und-Öl-Inflation nur vorübergehend ist, hat die Fed mit ihrer Gelassenheit recht. Doch Harvard-Professor Kenneth Rogoff hat einen "strukturellen Wandel in der Beziehung der Warenpreise" ausgemacht: Das schnelle Wachstum der Rohstoffpreise hält über längere Zeit an, deshalb geht die Konzentration auf die Kerninflation an der Realität vorbei.
Ganz unabhängig voneinander können die Notenbanken ohnehin nicht handeln. Denn seit Sommer 2006 ist der Zinsunterschied zwischen Euroland und den USA von 2,5 auf 0,25 Prozentpunkte zusammengeschnurrt. Wenn die Differenz verschwindet, hat das Konsequenzen für den internationalen Kapitalmarkt. Dann sind amerikanische Zinsanlagen nicht länger attraktiver als europäische. Eine Flucht der Anleger über den Atlantik könnte dazu führen, dass die USA Schwierigkeiten bekommen, ihr Handels- und Staatsdefizit zu finanzieren, und den Dollar
abstürzen lassen.
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