Von Hartmut Fischer
Wenn auch die IG Metall bei VW nur mit lautem Zähneknirschen dem neuen Haustarif zustimmte, fiel es hier doch noch relativ leicht. Denn die Einkommen der VW-Mitarbeiter lagen über denen der übrigen Branche. So räumte IG-Metall-Verhandlungsführer Hartmut Meine auch ein: "Wir entwickeln uns schrittweise auf ein in der sonstigen Autoindustrie übliches Tarifniveau zu." Er verbindet damit die Hoffnung, Produktionen aus dem Ausland zurückzuholen. Der bisherige Haustarif sicherte den Beschäftigten Einkommensvorteile von rund 10 Prozent gegenüber anderen deutschen Automobilbauern.
Die Arbeitszeit in Deutschland dürfte sich eher verlängern. Dafür gibt es allerdings viele Wege
Gewerkschaften müssen sich neu orientieren
Für die Gewerkschaften bedeutet der Abschluss bei VW eine Neuorientierung, die sicherlich schmerzlich ist. In der Vergangenheit war es üblich, mehr Geld für kürzer werdende Arbeitszeiten zu fordern. Die Gewerkschaften konnten sich deshalb als die Boten guter Nachrichten etablieren. Das ist vorbei. Die Arbeitsplatzsicherung hat einen vorrangigen Stellenwert. Die Mehrheit der Arbeitnehmer legt heute mehr wert auf einen sicheren als einen finanziell expandierenden Arbeitsplatz und nimmt hierfür auch Mehrarbeit in Kauf.
Doch noch scheint sich dies in Gewerkschaftskreisen nicht überall herumgesprochen zu haben. Vorschlägen in Richtung der Arbeitszeitverlängerung erteilte beispielsweise Verdi-Sprecher Harald Reutter am vergangenen Sonntag eine Absage.
Nach Reutters Meinung ist Arbeitszeitverlängerung der falsche Weg. Im Gegenteil, für ihn führt die Arbeitszeitverlängerung zum Abbau von Arbeitsplätzen. "Mit den Gewerkschaften ist das nicht zu machen", so Reutter.
Dennoch dürfte der VW-Abschluss Signale setzen, die in die Richtung führen, auf Lohnzuwächse zu verzichten und dafür Arbeitsplatzsicherung zu betreiben. Darum darf die Diskussion über die Arbeitszeitregelungen der Zukunft kein Tabuthema sein.
© manager magazin Online 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH