Von Frank Bulthaupt
Zweite Stufe: Deutliche Belastung des Gesundheitssystems, Wirkungen auf Einkommen und Wachstum
Gerät die erste Infektionswelle nicht schnell unter Kontrolle, drohen ernste gesamtwirtschaftliche Konsequenzen. Überbelastungen von Arztpraxen und Krankenhäusern führen zu einer erheblichen Verschlechterung der allgemeinen gesundheitlichen Versorgung. (In vielen südafrikanischen Ländern zum Beispiel sind 50 bis 70 Prozent der Krankenhausbetten von HIV-Patienten belegt.) Hinzu kommen Kosten für die personal- und sachkostenintensive Betreuung von Erkrankten und Schwersterkrankten unter Quarantäne.
Deutliche Auswirkungen bekommen die Unternehmen zu spüren: Allein die erhöhte Gefahr von Produktionsunterbrechungen und Ausfallzeiten, sei es direkt als Folge der Epidemie oder indirekt auf Grund der verschlechterten gesundheitlichen Versorgung, gehen mit erhöhten Unsicherheiten hinsichtlich der Lieferfähigkeit einher. Entsprechend zurückhaltend erfolgt die ausländische Auftragsvergabe.
Die Erkrankung von Mitarbeitern bedingt insbesondere den Ausfall von Know-how. Selbst in Zeiten hoher Unterbeschäftigung oder durch den Übergang zu einer kapitalintensiveren Produktion kann dieser Ausfall kaum kompensiert werden. Hieraus ergeben sich unmittelbare Konsequenzen für Gewinnausblick, Schuldentilgung, Unternehmensrating und Kreditbeschaffung. Ein merklicher Rückgang des Wirtschaftswachstums ist in dieser Stufe unausweichlich.
Dritte Stufe: Demografischer Schock
Lang anhaltende Epidemien beeinträchtigen noch über Jahre hinweg die weitere ökonomische Entwicklung der betroffenen Volkswirtschaft. Die gesundheitliche Beeinträchtigung, möglicherweise die Infektion von Neugeborenen wie auch der Rückgang der Bevölkerungszahl wirken einerseits auf die Altersstruktur der Bevölkerung - beispielsweise ist in Zimbabwe die Lebenserwartung von 65 auf schätzungsweise 39 Jahre gefallen. Mit der erhöhten Mortalitätsrate erfolgt die Vernichtung von Humankapital. In südafrikanischen Ländern wie Botswana etwa sinkt die Bevölkerung infolge von HIV jährlich um sechs Prozent.
Lange Perioden sinkender Produktivität mit sinkenden Weltmarktanteilen sind die Folge. Andererseits muss auch mit einem Rückgang der Fertilitätsrate (Zahl der Lebendgeburten je Frau) gerechnet werden. So war in der Folgezeit der Spanischen Grippe 1918/1919 in den betroffenen US-Bundesstaaten noch über Jahre hinweg die Geburtenrate rückläufig. Rückwirkungen auf die Innovationsfähigkeit und das Leistungspotenzial der nachfolgenden Generation sind die Konsequenz.
Die nächste Epidemie kommt gewiss
Epidemien sind weder ein isoliert medizinisches Problem noch der Auftakt zum "Danse macabre" für die betroffenen Volkswirtschaften. Ihre permanente Drohung einer Akkumulation von Risiken stellt allerdings komplexe Anforderungen an das Risikomanagement auf den Ebenen Politik, Unternehmen und internationales Portfoliomangement. Denn eines ist unbestritten: Die nächste Epidemie kommt gewiss.
© manager magazin online 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH