Wien - Die Erdölminister der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) hat ihre Zielgröße für die Tagesproduktion angehoben, zugleich aber die tägliche Fördermenge zurückgefahren. Die Tagesproduktionszielgröße soll auf 25,4 Millionen Barrel (je 159 Liter) am Tag angehoben werden, teilten die Ölminister am Donnerstag Abend in Wien mit. Zugleich werde die tatsächliche tägliche Fördermenge des Kartells vom 1. Juni an um 2 Millionen Barrel gesenkt. Nach dem Beginn des Irakkrieges hatte die Opec ihre bisherige Förderbegrenzungen aufgehoben.
"Als der Krieg im Irak begann, haben wir deutlich gemacht, dass wir den Markt stabilisieren und einen drastischen Preisanstieg verhindern werden", sagte Opec-Präsident Abdullah bin Hamad el Attijah. Jetzt, da der Krieg vorbei sei, müsse die Opec auch wieder an ihre eigenen Interessen denken.
Die dreistündigen Verhandlungen, an denen zehn von elf Mitgliederstaaten teilnahmen, fanden hinter verschlossenen Türen statt. Das Opec-Gründungsmitglied Irak war am Wiener Verhandlungstisch nicht vertreten. Das künftige Ölangebot des Irak, der über die weltweit drittgrößten Reserven verfügt, bereitet den übrigen Opec-Mitgliedern weiteres Kopfzerbrechen.
Das wichtigste OPEC-Mitglied Saudi-Arabien hatte sich zu Beginn der Verhandlungen dafür ausgesprochen, die Ölproduktion wieder bis auf die Fördergrenze von 24,5 Millionen Barrel (1 Barrel sind 159 Liter) am Tag zu drosseln. Diese Obergrenze war zu Beginn des Irak-Krieges aufgehoben worden.
Die Opec produziere derzeit zwei Millionen Barrel über der alten Quote, betonte Opec-Präsident Abdullah bin Hamad el Attijah. Dies drückt auf die Preise: Im Vorfeld der Opec-Sonderkonferenz war der Preis für Öl des Kartells deutlich von 26,24 auf 25,14 Dollar gefallen. Im März hatte der Preis pro Barrel zeitweise noch 33 Dollar betragen.
Irak-Aufbau nur über Öl?
Die möglichen Öleinnahmen des Opec-Mitglieds Irak spielen eine wichtige Rolle, wenn auf dem Krisentreffen über die Kosten für den Wiederaufbau des Landes gesprochen wird. Nach dem Ende des Hussein-Regimes im Irak fürchten Opec-Staaten wie Iran oder Venezuela, dass die USA die irakische Ölproduktion ohne Absprachen mit dem Ölkartell hochfahren oder als Besatzungsmacht gar den Ausstieg Iraks aus der OPEC betreiben könnte.
Zeitweise wurden aus der US-Regierung sogar Überlegungen bekannt, nach denen sich die Kriegsfolgen überwiegend oder sogar vollständig aus dem Ölreichtum des Irak finanzieren ließen.
Im Süden des Irak sollen aus dem Rumaila-Feld in vier Monaten im besten Fall 800.000 Barrel am Tag gefördert werden, hat der US-Brigadegeneral Robert Crear am Donnerstag in Basra angekündigt. Als nächstes solle die Produktion auf Ölfeldern um die nordirakische Stadt Kirkuk aufgenommen werden, aus denen in besten Zeiten 900.000 Barrel gefördert wurden. Trotz aller Bemühungen sei die Vorkriegsfördermenge von täglich rund zwei Millionen Barrel kurzfristig nicht zu erreichen, sind sich alle Experten sicher.
"Irak wird Jahre brauchen"
Mit 15,1 Milliarden Tonnen besitzt der Irak zwar über die drittgrößten Ölreserven der Welt nach Saudi-Arabien und Kanada, doch war sein Beitrag zur weltweiten Ölversorgung in den vergangenen Jahren bescheiden.
Unter den Bedingungen des Embargos durfte der Irak nur begrenzt Öl ausführen und konnte keine Investitionen in die Anlagen mehr vornehmen. Zuletzt produzierte das Land mit maroder Fördertechnik gut zwei Millionen Barrel (je 159 Liter) pro Tag, etwa halb so viel wie vor zwölf Jahren. Selbst diese Förderleistung ist kurzfristig nicht mehr erreichbar.
"Das Land wird mindestens fünf Jahre brauchen, um wieder die gleiche Menge Öl zu fördern wie vor der Invasion Kuwaits", sagt Klaus Matthies vom Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA). Um dieses Ziel zu erreichen, müssten gewaltige Mittel in den Aufbau der Industrie gesteckt werden. "Vor dem Hintergrund riesiger Reserven ist der Irak das am wenigsten explorierte Ölland im Nahen Osten", schreibt der Hamburger Energie-Informationsdienst EID. Die Schätzungen für das notwendige Investitionsvolumen reichen von 30 bis 90 Milliarden US-Dollar in den kommenden Jahren. Das hänge davon ab, wie schnell und wie weit die Ölproduktion ausgebaut werden soll. "Es wird auf jeden Fall sehr teuer", sagt Matthies.
27 Ölkonzerne im Irak aktiv
Außerdem ist völlig offen, wer diese Mittel aufbringen soll. UNO-Generalsekretär Kofi Annan hat noch einen Topf mit 14 Milliarden Dollar aus Ölverkäufen des Irak, die für humanitäre Aufgaben vorgesehen sind. Das Land ist mit mehr als 100 Milliarden Dollar verschuldet.
Hilfszahlungen der Industrieländer sollen in andere Infrastruktur-Investitionen fließen, so wie Straßen, Schulen, Krankenhäuser und Häfen. "Die einzigen, die investieren könnten, sind die internationalen Ölkonzerne", sagt ein Sprecher von ExxonMobil. Im Irak sind nach Quellen der Internationalen Energie-Agentur (IEA) bislang 27 internationale Ölkonzerne aktiv, darunter (noch) keine aus den USA.
Ohne ein günstiges Investitionsklima, klare rechtliche Rahmenbedingungen und ein besseres Transportnetz wird die irakische Ölindustrie nicht auf die Beine kommen. Vor diesem Hintergrund sieht HWWA-Experte Matthies noch keine Anzeichen, dass irakisches Öl in absehbarer Zeit die Weltmärkte überschwemmen und damit den Preis kräftig drücken könnte. "Dieses Szenario wird allenfalls zum Ende des Jahrzehnts eine Rolle spielen."
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