Von Frank Bulthaupt
Aktienmärkte 2002: 1929 lebt
Und heute? Nach der Korrektur der Überbewertungsphase des Jahres 2000 sind die Börsen auf Talfahrt. Welche Bilder treiben jetzt die Märkte rund um den Atlantik? Kaum haltbare Vergleiche mit historischen KGV, Angst vor japanischen Verhältnissen, obgleich bekannt ist, dass das amerikanische wie auch das europäische Bankensystem nicht mit dem japanischen vergleichbar ist, Deflationsängste (zum Vergleich: Die jährlichen Inflationsraten zwischen 1925 und 1929, den so genannten Goldenen Zwanzigern, variierten zwischen 1,1 und minus 1,7 Prozent) und ein weiteres Bild: wie bereits 1987 der Crash des Jahres 1929. Wieder findet man Gründe für Übertreibungen, und die daraus resultierende Krise wird erneut zur Plazenta des Pessimismus.
Übertragung gerechtfertigt?
Gewiss drohen Risiken, konjunkturelle wie auch geopolitische. Der Konjunkturmotor im Euro-Raum stottert. Einige Parallelen zum Börsenumfeld 1929 sind erkennbar. Ist damit die Analyse abgeschlossen und eine Übertragung auf 2002 gerechtfertigt?
Blicken wir auf die harten Fakten, auf konjunkturelle und auf strukturelle Entwicklungen: Noch vor einem Jahr hatten die Wirtschaftsforscher für 2002 durchschnittlich 1,2 Prozent Wirtschaftswachstum für die USA prognostiziert (siehe Consensus Forecasts Oktober 2001). Aller Voraussicht wird sich ein reales Wachstum von etwa 2,4 Prozent ergeben. Die aktuellen Einschätzungen für 2003 variieren zwischen 2,4 und 3,7 Prozent.
Die Gewinne der Kapitalgesellschaften in den USA stiegen in den ersten beiden Quartalen dieses Jahres um 11 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die gleiche Größenordnung ist angesichts der günstigen Kostenentwicklung für die zweite Jahreshälfte zu erwarten. Der Ausblick für 2003 liegt leicht darunter. Die Zinssätze liegen am langen Ende bei 4 Prozent in den USA und bei 4,5 Prozent in Deutschland.
Märkte sind robuster geworden
Auch das strukturelle Umfeld hat sich grundlegend geändert: Die Korrelation der Aktienmärkte zwischen USA und den europäischen Börsen hat sich seit 1929 massiv verschoben. Durch die zunehmende Integration wurden die Märkte insgesamt robuster gegenüber nationalen Schocks, dazu gehören auch Bilanzfälschungen einzelner Unternehmen.
Weiter haben einschneidende technologische Entwicklungen dazu beigetragen, dass Investoren einen umfassenderen und schnelleren Zugriff auf Informationen haben, bessere Kommunikations- und Transaktionswege zur Verfügung stehen sowie erhöhte Vertragssicherheiten vorhanden sind. Diese Entwicklung hat den Informationsstand der Marktakteure verbessert, Unsicherheiten abgebaut und Risikoprämien gesenkt.
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Krise wie 1929? Es liegt überall Neuschnee!
© manager magazin online 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH