Von Harald Grimm, Kai Lange und Lutz Reiche
Drei Gründe für die Bodenbildung
Seinen Optimismus, dass sich die Börsen in absehbarer Zeit erholen können, bezieht Schallenberger aus drei Faktoren: Erstens sei die "Fieberkurve" V-Dax, die die Schwankungen des Leitindex' misst, bei 52 und habe damit das Niveau vom vergangenen September erreicht. "Danach ist es wieder aufwärts gegangen", sagt Schallenberger.
Zweitens habe der Dollar gegenüber dem Euro wieder zugelegt, was die US-Börsen stabilisieren könnte. Schließlich seien jetzt "alle Branchen überverkauft" – der Kursrutsch habe auch die defensiven Branchen wie Konsum- und Versorgerwerte erfasst.
"Sogar Ölwerte sind unter Druck geraten, obwohl dort keine Ertragsdelle zu erwarten ist", sagt der Experte der LBBW weiter. Der Ausverkauf quer durch alle Branchen bereite den Boden für eine Aufwärtsbewegung in einer Zeit, in der wieder auf die Ertragsdaten einzelner Titel geschaut werde.
Greift die US-Notenbank ein?
Thomas Sickenberg, Chefhändler der BHF-Bank, sieht dagegen derzeit kaum Anlass zum Optimismus: "Wir sehen für den Dax keine Unterstützungslinie mehr. Der Index kann durchaus auf 3000 Punkte fallen. Ich habe da im Moment wenig Hoffnung."
Weitere Faktoren könnten die Märkte belasten: Viele Pensionsverpflichtungen der Unternehmen seien in Fonds angelegt. Mit den am Boden liegenden Märkten könnten die Unternehmen ihren Mitarbeitern jetzt nicht mehr das bezahlen, was sie ihnen versprochen hätten. "Damit kommt auch auf Dax-Konzerne noch ein exorbitanter Abschreibungsbedarf zu", warnt Sickenberg.
Es werde sicherlich noch einmal Gegenbewegungen geben, meint der Chefhändler der BHF-Bank. Es gebe auch Gerüchte, dass die Fed am Mittwochnachmittag ins Marktgeschehen möglicherweise mit einer Zinssenkung eingreife. Doch dies würde nur kurzfristig die Märkte stützen.
"Um es deutlich zu sagen: Wir spielen derzeit Deflation. Auch der US-Konsument, der zehn Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes getragen hat, wird als Stütze der Konjunktur eine immer geringere Bedeutung einnehmen", zeigt sich Sickenberg pessimistisch.
"Versicherer werfen Aktien raus"
Den aktuellen Kursverfall führt Sickenberg auf Gerüchte zurück, dass nach deutschen Versicherungen nun auch französische Versicherer massiv Aktien verkaufen. "Wir beobachten seit Wochen, dass die Konzerne primär im Future-Bereich Sicherungsgeschäfte tätigen, um ihre Aktienquote nach unten zu bringen." So solle die Stabilität im Bereich Lebensversicherung zumindest halbwegs gewährleistet werden. "Bei diesen Märkten, die wir derzeit erleben, verhagelt es ihnen sonst das ganze Ergebnis", sagt Sickenberg.
In der Vergangenheit arbeiteten Versicherungen wie Kapitalsammelstellen, sagt Sickenberg. Sie hätten in schwachen Märkten immer antizyklisch reagiert und zugekauft. Jetzt könne diese Gruppe nicht mehr gegen den Trend agieren. Sie seien nun zu Verkäufen gezwungen, da sie während der Börseneuphorie ihre Aktienquoten deutlich nach oben genommen hätten.
Für die Finanztitel zeigt sich Sickenberg weiter skeptisch. "Bei der HypoVereinsbank rechnen wir morgen mit einem Verlust in dreistelliger Millionenhöhe. Zudem wird das Institut seine Risikovorsorge wohl deutlich erhöhen müssen."
Er sähe die Bankenwerte auch wegen der schlechten Nachrichten von J.P. Morgan Chase
und Citigroup
unter Druck, die am Dienstag wegen risikobehafteter Kredite enorme Abschläge verzeichnet hatten.
Jene Banken, die in den letzten Jahren eine mittelständische Unternehmenspolitik gefahren hätten, müßten nun angesichts der Pleitewelle enorme Ausfallquoten verkraften. "Dazu würde ich auch die Commerzbank
zählen. Es ist gegenwärtig wirklich ein Trauerspiel", sagt der BHF-Experte.
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