Von Harald Grimm, Kai Lange und Lutz Reiche
Frankfurt am Main - Für die Börsenprofis war spätestens am Mittwoch Mittag Schluss mit lustig, vielen hatte es die Sprache verschlagen. "Den Händlern steht der Schweiß auf der Stirn", hieß es beim Wertpapierhaus Lang & Schwarz. "Keine Zeit, bitte später", kanzelte die SEB Anfragen ab. Auch die Experten der DZ Bank waren nicht in Plauderstimmung. "Heute kein Kommentar", heißt es knapp.
Nach einem dramtischen Kurssturz schafft der Dax am Abend den Sprung ins Plus. Ist das die Wende?
"Wenn permanent schlechte Nachrichten in der Pipeline sind, so wie gestern in den USA von Lucent
, dann hat man einfach Angst, dass Bilanzbetrügereien wie bei Enron, Worldcom
oder Xerox
noch nicht zu Ende sind", sagt Helmer.
Schwache Tage und kein Ende?
Gleichwohl zeigt sich der Händler über den erneuten Kursrutsch erstaunt: "Nach zehn schwachen Börsentagen geht man eigentlich davon aus, dass eine technische Reaktion eintritt." Doch das ist zunächst nicht der Fall. Nach einem Erholungsversuch am Morgen stürzen die Aktienmärkte wieder in den tiefroten Bereich.
Börse verrückt: Am frühen Abend dreht der Dax dank einer starken Wall Street. Aus einem Minus von sieben Prozent wird bis zum Handelsschluss ein Plus von 3,3 Prozent. Der Herdentrieb treibt die Käufer wieder in den Markt. Mit Logik und fundamentalen Daten hat das nicht mehr viel zu tun. Die Bewegung ist vielmehr ein Indiz für die Tatsache, dass die Nerven der Anleger blank liegen. Nach panikartigen Verkäufen wird genauso hektisch zurückgekauft.
Mit einer nachhaltigen Erholung rechnet der Aktienstratege Helmer indes nicht: "Wir haben heute im Dax den Stand vom September 1997 markiert. Damals gab es anschließend eine kräftige Hausse über viele Monate hinweg. Ich hoffe, dass es diesmal auch so ausgeht, bin davon aber keineswegs überzeugt."
Es wäre blauäugig zu sagen, dass die Flut schlechter Nachrichten abreißen würde. Der Händler rechnet damit, dass in den kommenden Wochen noch etliche Unternehmen aus ihren alten Bilanzen so manche "Kellerleiche" zu Tage fördern würden. Dies hätte auch positive Auswirkungen: In ein oder zwei Quartalen könnten Anleger davon ausgehen, dass die vorgelegten Zahlen dann auch korrekt seien.
"Unglaublich, was derzeit passiert"
"Der Handelstag ist noch nicht verloren", sagt Frank Schallenberger, Anlagestratege bei der Landesbank Baden-Württemberg, als der Dax noch rund fünf Prozent im Minus notiert. "Ich glaube nicht, dass wir heute so deutlich im Minus schließen." Er soll Recht behalten, wie sich später zeigt.
Der Salami-Crash zehre jedoch an den Nerven, räumt Schallenberger ein. "Wir haben uns leider daran gewöhnt, jeden Tag fünf Prozent herunterzurauschen. Wer geglaubt hat, fünf Prozent Tagesverlust sei bereits ein Ausverkauf, sieht sich getäuscht." Die Abwärtsspirale werde immer wieder auch durch große Fonds weitergedreht: "Da ziehen die Controller die Reißleine – der eine bei 30 Prozent Verlust, der andere dann vielleicht am nächsten Tag bei 35 Prozent Verlust." Es sei "unglaublich, was derzeit passiert".
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