Donnerstag, 19. Oktober 2017

Schallplatten fürs Depot So klingt Rendite

Vinylkult: Schallplatten fürs Depot
Fotos
DPA/EPA/Momentsintime.com

Schallplatten: Raritäten aus Vinyl oder gar Schellack sind Ikonen der Popkultur. Und taugen zunehmend als veritable Wertanlage.

Mit Typen wie Rob begann der Kult ums Vinyl. Die Hauptfigur aus Nick Hornbys Roman "High Fidelity" bewältigt seine gescheiterte Existenz zwischen DJ und Musikproduzent, indem er seinem einzigen echten Interesse nachgeht: Schallplatten. Er führt seinen Laden, sammelt, sortiert, sucht nach Werten, wo andere (noch) keine sehen.

Seit das Buch vor 20 Jahren erschienen ist, hat sich die Vinylszene radikal verändert. Schallplatten, in Robs obskurem Laden im Souterrain noch feilgeboten wie auf einem Flohmarkt, sind heute Sammlerstücke. Und oftmals gesuchte Prestigeobjekte.

Die Nachfrage nach Vinyl- oder den noch älteren Schellacktonträgern ist stark gestiegen. Anders als Silberlinge und MP3-Dateien erzählen Platten beim Herausziehen aus der Schutzhülle noch Geschichten. Viele Cover wurden von Mode- und Zeitgeistidolen gestaltet, insbesondere Alben von Sängern oder Bands, die mit ihrer Musik einen ganz neuen Stil prägten, genießen mittlerweile ikonografischen Status etwas, das die stofflosen Digitaldateien bei iTunes oder Spotify nie erreichen werden.

Die Sammlerszene für Schallplatten ist anders als etwa jene für Uhren, Kunst oder Weine noch unübersichtlich, beinahe chaotisch. Sie befindet sich in einer undefinierbaren Prä-Boom-Phase, in der vor allem Spezialisten und Raritätenjäger den Markt machen. Die Preise sind nach wie vor überschaubar, die Streuung zwischen Treffer und Niete ist hoch.

Gefunden in
Portfolio
Juli 2015

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Große Auktionshäuser wie Christie's oder Sotheby's versteigern zwar schon heute mit zunehmender Regelmäßigkeit historische Tonträger, doch zumeist als komplette Sammlung. Dabei bestimmt vor allem die Prominenz des Vorbesitzers die Höhe der Gebote.

Bei einzelnen Langspielplatten, Singles oder Maxis gilt die banale Sammlerregel: je seltener, desto wertvoller.

Und so ist die teuerste jemals gehandelte Platte auch ein Unikat: Das Album "Double Fantasy", dessen Cover John Lennon seinem Attentäter Mark Chapman arglos signierte, bevor der ihn wenig später auf offener Straße erschoss, brachte 1999 auf einer Auktion 150.000 Dollar ein. Seither hat das teure Stück nie wieder Schlagzeilen mit seinem Preis gemacht.

Einen "eingebauten Seltenheitswert" haben alle Platten, die in niedriger Auflage gepresst werden. Also etwa Sondereditionen in farbigem Vinyl, aber auch die knapp hundert Jahre alten Originalaufnahmen der Jazz-, Blues- und Countrypioniere. Schellackraritäten wie Tommy Johnsons "Alcohol and Jake Blues", 1929 für Paramount eingespielt, können ihren Wert bei einer Internetauktion schon mal um das 75-Fache steigern: von 499 Dollar Einstiegsgebot auf 37.100 Dollar Verkaufspreis.

Wie bei allen Sammelkategorien bestimmt neben dem Seltenheitswert auch der Erhaltungszustand der Objekte über den Preis. Die Topkategorie, der Traumzustand für jeden Sammler, heißt hier: "mint". Was so viel bedeutet wie "unbenutzt". Kein Knistern, kein Knacken, kein Knick in der Hülle. Die beste Garantie für ein "mint"-Album: Es ist noch eingeschweißt.

Für Einsteiger ist es am Anfang nicht einfach, sich zurechtzufinden. Um Schnäppchen oder gar Juwelen zu entdecken, muss man sich wirklich auskennen. Vermeintliche Nuggets entpuppen sich schnell als Betrug. Manfred Krug, der in Nürnberg den Plattenladen und -versand Artphönix Vinyl sowie den Blog "Vinyl-Fan" betreibt, rät zu Entscheidungen aus dem Bauch: "Am besten, man kauft zunächst, was man auch hören will. Alben, auf deren Musik man sich schon freut, bevor man das Cover aus dem Regal gezogen hat."

Die beste Übersicht hierfür ermöglicht die Mega Record & CD Fair im niederländischen Utrecht, die weltgrößte Messe für Tonträger. Zweimal im Jahr, das nächste Mal am 21. und 22. November, bieten dort über 500 Händler Millionen von Titeln, Spezialpressungen und andere Raritäten an.

Allerdings sollte sich der Vinylneuling nicht wundern, wenn er in Utrecht fast nur auf Menschen trifft, die noch immer so aussehen und sich benehmen wie das Personal und die Kunden in Robs Plattenladen, den Nick Hornby vor 20 Jahren in "High Fidelity" beschrieben hat.

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