Donnerstag, 19. Oktober 2017

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Investment-Trend ICO "ICOs werden die Welt der arroganten Geldgeber auf den Kopf stellen"

700 Prozent Gewinn binnen zwölf Monaten - der enorme Wertzuwachs des Bitcoin hat Kryptowährungen zuletzt in den Fokus von Investoren und Öffentlichkeit gerückt. Die am frühen Freitag über 5800 Dollar teure Digitalwährung ist allerdings nicht der einzige Krypto-Boom der vergangenen Monate; einen weiteren hat Statista für manager-magazin.de illustriert.

Erst Anfang Oktober hatte Michael Jackson, einst COO von Skype und heute Partner beim Risikokapitalgeber Mangrove Capital Partners, seine Zunft in der "Financial Times" (¿) gewarnt, den Trend "ICO" ("initial coin offering") nicht zu verschlafen. Andernfalls fänden sich Venture-Capital-Unternehmen zunehmend im Abseits wieder, weil sich die erfolgversprechendsten Start-ups künftig selbst um ihre Finanzierung kümmerten. ICOs würden, so Jackson, "die Welt der arroganten Risikogeldgeber auf den Kopf stellen."

Ein ICO ähnelt, wie der Name bereits vermuten lässt, dem IPO, dem Börsengang eines Unternehmens. Allerdings veräußern Firmen im Falle eines ICOs keine Aktien, sondern eigens kreierte Einheiten einer digitalen Währung. Deutschlands erster ICO läuft aktuell - das Shopping-Start-up Wysker will mit seinen "wys Tokens" 25 Millionen Dollar einsammeln.

Kapitalgeber Jackson kann den Impuls verstehen: Start-ups hätten einfach Besseres zu tun, als in einer wichtigen Phase ihrer Firmengeschichte bei Venture-Capital-Buden vorstellig zu werden, sagt er. "Unternehmer mögen das nicht, und ich persönlich mag das auch nicht."

China: "ICOs sind illegale öffentliche Kapitalbeschaffung"

Bislang haben Unternehmen im Jahr 2017 laut "FT" mehr als 1,8 Milliarden Dollar Kapital mit ICOs eingesammelt - der ICO Tracker von coindesk.com, auf dem auch die Grafik basiert, führt bis Ende September sogar knapp 2 Milliarden Dollar.

Verglichen mit dem traditionellen VC-Markt ist das zwar verschwindend klein (sein Volumen betrug im Jahr 2016 127 Milliarden Dollar). Der rapide Anstieg der ICO-Finanzierungen, den die Grafik zeigt, sowie Stimmen wie Jacksons verdeutlichen allerdings, wie ernst die Venture-Capital-Branche den Trend nimmt.

Ausgemacht ist der Erfolg des ICO-Trends jedoch keinesfalls. Erst im September hatte China das Ausgeben digitaler Münzen im Land verboten. "ICOs sind eine Art illegale öffentliche Kapitalbeschaffung, die im Zusammenhang mit kriminellen Machenschaften wie Betrug und Schneeballsystemen stehen", hieß es in einer Mitteilung der Zentralbank.

Das Land hatte damit zumindest kurzfristig auch den Glauben an die prominenteste Digitalwährung Bitcoin erschüttert - deren Kurs stürzte massiv ab. China ist nicht allein mit seiner Skepsis: Wenig später hat auch Südkorea initial coin offerings verboten.

Naturgemäß sind auch Risikokapitalgeber unter den Kritikern, schließlich wird ihr Kerngeschäft durch Finanzierungsrunden in Eigenregie gefährdet. Zwar würden einige ICOs sicher ein paar Finanzierungsrunden und Börsengänge ersetzen können, sagte Neil Rimer von Index Ventures ebenfalls gegenüber der "Financial Times". VC-Firmen gäben aber nicht nur Geld, "wir bringen viele andere Hilfestellungen und Hinweise mit, und ich glaube, dafür wird es weiterhin Nachfrage geben."

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