Samstag, 30. Juli 2016

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Top-Wirtschaftsführer Die 30 besten Vorstandschefs für Aktionäre

Was eint die besten Vorstandschefs aus Europa, Japan und den USA? Hohe Wachstumsraten und Gewinne trotz gesättigter Heimatmärkte. Aus dem mm-Expertenheft "Portfolio" stellen wir hier die besten der Besten vor - und ihre Angreifer.

Besonders angriffslustig sieht Reed Hastings nicht aus. Der 55-Jährige hat beinahe jungenhafte Gesichtszüge, die tiefen Augenfältchen verraten, dass er viel lacht. Mit seinem grauen, kurz gestutzten Bart und seinen oft leicht geröteten Wangen würde er glatt auch als Vertrauenslehrer eines deutschen Reformgymnasiums durchgehen - Jeans und Cordsakko statt Maßanzug.

Dieser erste Eindruck täuscht jedoch gewaltig. Hastings, Chef des Video-Streaming-Anbieters Netflix, gilt als das zurzeit gefährlichste Raubtier der Unterhaltungsindustrie. Seine Beute ist das klassische Fernsehen, seine Kampfansagen sind großspurig: "In einigen Jahren werden wir auf das Fernsehen zurückblicken wie heute auf das Faxgerät. Das Auto hat ja auch das Pferd abgelöst."

Tatsächlich hat Hastings mit seinem Video-Streaming- Dienst die Fernsehgewohnheiten der Amerikaner radikal verändert. Bei Netflix ist der Zuschauer Programmdirektor. Per Mausklick können die Abonnenten Tausende von Serien und Filmen abrufen - am Fernseher, Computer oder auf dem Tablet. Unbegrenzt, jederzeit und ohne Werbeunterbrechungen. In den USA entfällt abends bereits mehr als ein Drittel des gesamten Internetverkehrs auf Netflix.

Einsame Spitze
So hat portfolio die Konzernchefs bewertet
Die Auswahl
Insgesamt wurde die Performance von rund 200 CEOs analysiert. Basis waren die vom US-Magazin "Fortune" veröffentlichte Liste der "Most Admired Companies", die vom "Institutional Investor" durchgeführte Analystenbefragung zu den besten CEOs in Europa, den USA und Asien sowie das CEO-Ranking der US-Anlegerzeitschrift "Barron’s". Konzerne aus den Industrienationen und ihre Konkurrenten aus den Schwellenländern wurden aufgrund der unterschiedlichen Wirtschaftssysteme und komplett anderen Dynamik getrennt untersucht.
Die Kennzahlen
Bewertet wurden Eigenkapitalrendite, Total Shareholder Return, Umsatzwachstum sowie Zuwachs des Free Cashflow, berechnet als jährlicher Durchschnitt seit Amtsantritt des CEOs. Falls das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt noch nicht börsennotiert war, wurde die Performance ab IPO berechnet. Konzernchefs, die über die Hälfte ihrer Amtszeit negative Cashflows erwirtschafteten, fielen aus der Wertung, außergewöhnliche Schwankungen der Kennzahlen wurden geglättet, Perioden mit negativem Eigenkapital nicht berücksichtigt.
Die Wertung
Jede der einzelnen Kennzahl wurde gesondert gerankt. Der Durchschnitt der jeweiligen Rangkoeffizenten bestimmte die endgültige Reihenfolge der Liste, sodass jede der vier Kennzahlen mit gleichem Gewicht in die Bewertung einfloss.
Mehrere Hundert Millionen Dollar hat Hastings mittlerweile in aufwendig produzierte Eigenproduktionen wie "Orange is the New Black", "Bloodline" oder "House of Cards" gesteckt. Die Politserie, hochkarätig besetzt mit Oscar-Preisträger Kevin Spacey, war ein globaler Erfolg - und bindet die Zuschauer. Selbst US-Präsident Barack Obama outete sich als großer Anhänger und rief auf seinem Twitterportfolio Kanal kurz vor dem Start der neuen Staffel seine Follower dazu auf, bitte nichts von der Handlung zu verraten. Dank der vielen Fans kommt Netflix inzwischen auf knapp 70 Millionen zahlende Abonnenten.

Und dabei wird es nicht bleiben. Hastings will die Welt erobern und "jedes Land außer Nordkorea" mit seinem Dienst aufrollen. Seit einem Jahr beackert er auch den deutschen Markt. Die Eigenproduktion "Narcos", die vom Aufstieg und Fall des Drogenbosses Pablo Escobar erzählt, wird aggressiv beworben. Hastings glaubt nicht, dass die Deutschen in zehn Jahren sonntagabends noch vor dem Fernseher sitzen und "Tatort" gucken: "ARD und ZDF braucht kein Mensch."

Die Wall Street liebt Hastings revolutionäres Geschäftsmodell. Seit dem Börsengang im Jahr 2002 hat sich der Wert des Unternehmens - trotz Weltwirtschaftskrise - im Durchschnitt jedes Jahr fast verdoppelt. Die Eigenkapitalrendite lag im Mittel Jahr für Jahr bei 23 Prozent. Umsatz und freier Cashflow stiegen mit Raten von 30 Prozent und mehr. Kein anderer Vorstandschef kann da mit Hastings mithalten.

In einer aufwendigen quantitativen Studie hat portfolio die 30 besten CEOs der Welt ermittelt. Die Untersuchung legt über die gesamte Amtsdauer der Chefs hinweg offen, wie stark ihre Unternehmen wachsen, welchen Wert sie für ihre Aktionäre schaffen, wie viel freie Mittel sie für Expansion und Ausschüttungen generieren und wie profitabel sie wirtschaften.

Das Ranking stellt keine schwammigen Prognosen auf, sondern zeigt, welche Unternehmen seit Langem überdurchschnittliche Resultate erwirtschaften. Aus dem Ergebnis lässt sich ein Investmentportfolio mit 30 langfristig interessanten Adressen zusammenstellen, geführt von Managern, die ihren strategischen Weitblick seit Jahren unter Beweis stellen. Unter den Bestplatzierten sind global agierende Giganten wie der Kreditkartenkonzern Mastercard, die Fluggesellschaft Delta Air oder die Kaffeehauskette Starbucks; aber auch junge, aufstrebende Biotech-Firmen aus Kalifornien wie Gilead oder Illumina. In Europa stechen etwa der dänische Insulinproduzent Novo Nordisk oder der weltgrößte Luxushersteller LVMH (Moët Hennessy Louis Vuitton) hervor.

Investorenlegende Warren Buffett taugt nach der Analyse als die Ikone des perfekten CEOs. Er überzeugt bei allen untersuchten Merkmalen seit den 70er Jahren. Der Börsenwert von Berkshire Hathaway hat sich trotz mehrerer Krisen seit seinem Amtseintritt um den Faktor 1,8 Millionen erhöht. Durch die Beteiligungen an verschiedenen Firmen spuckt das Unternehmen Jahr für Jahr hohe Gewinne aus. Buffett kann deshalb Cash an seine Investoren ausschütten (was er nie getan hat) oder, noch wichtiger, neue Investitionen anschieben. Seine Holding wächst deshalb seit Jahrzehnten aus eigener Kraft und ist nicht auf Kredite angewiesen. Das macht Berkshire Hathaway extrem robust und unabhängig. Buffett geriet in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht ein einziges Mal in einen Liquiditätsengpass, der Cashflow war stets positiv .

Doch der 85-Jährige wird den Anlegern nicht ewig erhalten bleiben. Sie sollten daher versuchen, in der heraufziehenden Post-Buffett-Ära bei ihren Investments auf jene vier Kerneigenschaften zu setzen, die der Altmeister in unterschiedlicher Intensität verkörpert. Dabei müssen sie ihre Chips künftig allerdings auf mehrere CEOs verteilen, das heißt auf Konzernchefs setzen, die entweder

  • mutig Firmen aufkaufen;
  • mit genialen Geschäftsideen die Lebensweise und Gewohnheiten von Millionen tief greifend verändern;
  • aggressiv aus einer Nische heraus etablierte Unternehmen angreifen oder
  • altbewährte Geschäftsmodelle durch neue Technologien ersetzen.

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Gefunden in
portfolio
Dezember 2015

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