Montag, 25. Mai 2015

Milliardenvermögen Niedrigzinsen bedrohen Stiftungen

Milliardenschwer: Stiftungen in Zahlen
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DPA

Deutsche Stiftungen horten rund 100 Milliarden Euro Vermögen. Ihr Geld legen sie konservativ und häufig unprofessionell an. Das kann auf Dauer nicht gut gehen, sagt Stefan Haake. Bleiben die Zinsen niedrig, seien viele Einrichtungen in ihrer Existenz bedroht.

mm: Herr Haake, jährlich werden etwa 1000 Stiftungen in Deutschland gegründet. Mittlerweile gibt es mehrere Zehntausend, allein 19.000 bürgerlichen Rechts. Wie erklärt sich dieser Boom?

Haake: Eine Erklärung ist sicherlich, dass sich immer mehr auch wohlhabende Bürger für eine gemeinnützige Sache engagieren wollen. Sie wollen etwas bewegen in der Gesellschaft, ihr vielleicht auch etwas zurückgeben. In einer Stiftung, die per Satzung das Geld für einen bestimmten Zweck ausgibt, sehen sie dafür das beste Vehikel. Ich glaube, dass dieser ursprüngliche Stiftungsgedanke nach wie vor eine große Bedeutung hat.

mm: Die Literatur und Hinweise zu Stiftungen als Steuersparmodell sind reichhaltig. Könnte nicht auch dies das zentrale Motiv sein?

Haake: Steuerliche Vorteile spielen selbstverständlich eine Rolle. Der Staat befreit gemeinnützige Stiftungen aus nachvollziehbarem Grund von den meisten Steuern. Leisten sie doch einen Beitrag zum Gemeinwohl, der sonst in die staatliche Fürsorge fiele. Also fallen bei der Vermögensübertragung zum Beispiel keine Erbschaft- oder Schenkungsteuer an, bei der großen Zahl der Privat- und Familienstiftungen dagegen schon.

mm: Und die Stifter oder Spender selbst?

Haake: Auch sie genießen Vorteile, können das eingebrachte Kapital oder Spenden von der Steuer absetzen - bis zu eine Million Euro im Jahr der Zuwendung und den neun Folgejahren. Wenn der Gesetzgeber solche Regeln erweitert oder neu einführt, steigt die Zahl der gegründeten Stiftungen signifikant an. Als Steuersparmodell sehe ich gemeinnützige Stiftungen in Deutschland aber nicht. Wer stiftet, trennt sich unwiderruflich von seinen Vermögenswerten, auch die Erträge daraus stehen ihm nicht mehr zu.

mm: Demnach werben Kanzleien etwa mit irreführenden Hinweisen?

Haake: Das kann ich nicht beurteilen. Zur Steuerhinterziehung oder als Steuersparmodell eignet sich eine Stiftung in Deutschland jedenfalls nicht. Das lassen die Landesstiftungsgesetze nicht zu. Die landeseigenen Aufsichten prüfen zudem alle drei Jahre, ob eine Stiftung wirklich noch gemeinnützig arbeitet und damit die strengen Voraussetzungen für Steuererleichterungen erfüllt.

mm: Schätzungen zufolge beläuft sich das Vermögen deutscher Stiftungen auf rund 100 Milliarden Euro - eine enorme Summe. Wie viel davon steht für die Kapitalanlage zur Verfügung?

Haake: Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht, auch der Bundesverband Deutscher Stiftungen nicht. Es gibt Stiftungen, deren Vermögen großteils in Immobilien, Unternehmensanteilen, Ländereien oder in Kunstgeständen gebunden ist, die laut Satzung auch nicht verkauft werden dürfen. Solche Vorgaben schränken natürlich das frei verfügbare Kapital ein. Andere dagegen verfügen über große Bestände an Barvermögen, das bis zu 100 Prozent angelegt und vermehrt werden muss. Letztlich bestimmen der Stiftungszweck und die Frage, wie viel Geld eine Stiftung zur Erfüllung dieses Zwecks benötigt, die Höhe der freien Mittel entscheidend mit. Verlässliche Zahlen über das fungible Kapital gibt es aber leider nicht.

mm: Woran liegt das?

Haake: Das hat auch damit zu tun, dass der Stiftungsbereich in einigen Punkten sehr intransparent ist. Die meisten Stiftungen müssen ihren Jahresbericht nicht veröffentlichen, und sie tun es auch nicht. Es sei denn, sie suchen auf diesem Wege ganz bewusst die Öffentlichkeit, um damit ihr Image zu fördern. Das ist letztlich die Entscheidung der Stiftung.

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