Sonntag, 25. Juni 2017

Kunstexperte Hans Neuendorf "Kunstpreise stoßen nicht an Grenzen"

Kunstauktionen im Web: Warhol, Truman Capote und der Papst für 140.000 Dollar
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Foto: artnet

Hans Neuendorf, Chef des Online-Kunsthauses Artnet, ist seit über 50 Jahren im internationalen Kunstgeschäft tätig. Mit manager magazin Online sprach er über den Wandel des Kunstmarktes durch das Internet, Bilder als Geldanlage und Preisblasen, etwa beim deutschen Maler Nummer eins, Gerhard Richter.

mm: Herr Neuendorf, der Kunstmarkt hat die große Wirtschaftskrise offenbar gut weggesteckt, schon seit Ende 2009, Anfang 2010 geht es wieder aufwärts, es werden hohe Preise erzielt.

Neuendorf: Ja, aber eigentlich nur für die Standardwerte. Das ist eine der signifikanten Entwicklungen zurzeit: Es werden immer mehr Werke von wenigen berühmten Künstlern gekauft, zu Lasten der anderen.

mm: Wie kommt es zu dieser Verengung auf die Blue Chips?

Neuendorf: Das liegt vor allem an den großen Auktionshäusern und den sehr großen Galerien. Die haben sehr hohe Kosten und vermeiden deshalb, Kunstwerke in die Auktionen zu nehmen oder auszustellen, bei denen sie sich nicht sicher sind, dass sie sie verkaufen können. Das bedeutet: Wenige Künstler werden immer teurer. Die Presse, die die immerselben Namen gebetsmühlenartig wiederholt, trägt ihren Teil dazu bei. Andere Künstler sind vom Sekundärmarkt weitgehend ausgeschlossen.

mm: Welche Rolle spielt dabei das viele Geld, das aus den aufstrebenden Ländern in Fernost, aus Russland oder dem arabischen Raum in den Markt strömt?

Neuendorf: Das ist zum Teil verrückt, was sich dort abspielt. Dort sind oft vergleichsweise unbekannte Künstler, die noch gar kein großes Œuvre haben, ungeheuer erfolgreich. Wenn sich zum Beispiel zwanzig Leute in China überlegen, dass ein bestimmter Künstler der beste ist und jeder will von diesem ein Kunstwerk haben, es gibt aber nur ein paar hundert Werke, dann können sie sich vorstellen, was mit den Preisen passiert. In Indien ist es ähnlich. Da werden hunderttausende Dollars für Werke von Leuten bezahlt, von denen man hier noch nie etwas gehört hat.

mm: Was ist der Grund für diese merkwürdigen Exzesse?

Neuendorf: Das weiß ich auch nicht. Das sind spontane Entwicklungen des Zeitgeschmacks, die schwer zu verstehen und gar nicht zu antizipieren sind.

mm: Zurzeit ist viel die Rede von Gerhard Richter, dem anlässlich seines achtzigsten Geburtstags große Ausstellungen unter anderem in Berlin gewidmet werden, und der ebenfalls enorme Preise erzielt.

Neuendorf: Ja, das ist ein sehr typisches Phänomen, was sich bei Richter abspielt.

mm: Wie nachhaltig können solche Preisentwicklungen wie bei Richter sein?

Neuendorf: Das weiß niemand, denn niemand kann in die Zukunft schauen. Klar ist wie gesagt nur: Nicht der Kunstmarkt hat sich erholt, sondern lediglich einige große Namen wie Richter. Und den großen Auktionshäusern ist es gelungen, die Glaubwürdigkeit der Preise aufrechtzuerhalten. Ich kenne jedoch eine Menge Galerien, die nach wie vor sehr, sehr zu leiden haben.

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