Von Arne Gottschalck
Hamburg - Wie er damals zu der Schlussfolgerung kam, ist unklar. Doch sie kostet ihn jetzt eine Menge Geld. Manfred Lautenschläger ist Gründer des Finanzdienstleisters MLP. Er ging 2004 davon aus, dass die Aktien von MLP
bis Anfang 2012 ihren Wert auf 40 Euro verdoppeln würden. Aktuell notieren sie allerdings bei knapp 5 Euro. Da Lautenschläger seinerzeit aber ein Termingeschäft abgeschlossen hatte, musste er die Aktien jetzt zum vereinbarten Preis kaufen, immerhin gut 178.000 Stück. Und zahlte damit ungefähr das Achtfache des aktuellen Werts.
Lautenschläger hat mit seiner Prognose kräftig daneben gelegen - und befindet sich damit in bester Gesellschaft.
Gordon Brown zum Beispiel, seinerzeit britischer Schatzkanzler, verkaufte zwischen 1999 und 2003 395 Tonnen Gold
der damals 715 Tonnen umfassenden nationalen Goldreserven zu Preisen zwischen 256 Dollar und 296 Dollar je Feinunze. Leider zu früh - inzwischen notiert das Edelmetall bei gut 1600 Dollar. Hätte Brown abgewartet, der Erlös für die Staatskasse hätte sich mehr als verfünffacht.
Und Bill Gross, der vermutlich bekannteste Anleiheninvestor der Welt, schmähte im März 2011 öffentlich die US-Staatsanleihen und verkaufte alle, die er in seinem Pimco-Fonds hielt. Doch bereits im August musste er zerknirscht einräumen, falsch gelegen zu haben, denn die gescholtenen T-Bonds hatten fast 10 Prozent an Wert gewonnen. "Ob ich gern mehr T-Bonds hätte? Klar, das ist wohl offensichtlich", sagte der Anleihen-Profi rückblickend.
Gross, Brown und Lautenschläger, alle drei waren falschen Prognosen erlegen.
"Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen", spottete schon der Literat Mark Twain. Doch ohne sie tut sich die klassische Geldanlage schwer. Erwartet zum Beispiel der Manager eines weltweit aktiven Aktienfonds ein weiterhin gutes konjunkturelles Umfeld für Deutschland, ist er tendenziell geneigt, auch solche Aktien zu kaufen. Denn floriert die Wirtschaft, können die Unternehmen zumeist auch mehr Produkte verkaufen - und das ist gut für deren Aktienkurs. Doch diese Herleitung funktioniert nur, wenn die zugrundeliegende Prognose stimmt. Sollte Deutschland also in die Rezession stürzen, wären die Anlageentscheidungen des Fondsmanagers in aller Regel falsch. Und genau das ist längst kein Einzelfall.
Fataler Fehler: Aus der Gegenwart in die Zukunft schließen
Das haben unter anderem Wissenschaftler der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfsburg 2009 belegt. 98,5 Prozent der Voraussagen, so ihr Befund, orientieren sich "eher an tagesaktuellen als an künftigen Markttrends." Warum das so ist, erklären die Wissenschaftler gleichfalls. Unter anderem die Psyche macht den Investoren einen Strich durch die Prognoserechnung, genauer das Herdenverhalten. Es sei für Analysten einfacher, mit anderen ihrer Zunft auf aktuelle Entwicklungen abzustellen statt über der Zukunft zu grübeln.
Für Conrad Mattern, Vorstand bei der Investmentberatung Conquest, ist das kein Wunder: "Finanzmärkte sind wie alle Lebensbereiche, in denen Prognosen genutzt werden, sehr komplex. Volkswirte arbeiten deswegen ja auch mit Modellen und der ceteris-paribus-Annahme, also der Prämisse, das alle sonstigen Faktoren konstant bleiben. Daraus errechnen sie Wahrscheinlichkeiten, die wieder in eine Prognose gegossen werden." Und Wilfried Stubenrauch von der Stubenrauch & Hölscher Fondsberatung folgert: "Die gesamte Wirtschaft ist daher sehr schwierig zu prognostizieren - insbesondere mit dem Wissen, dass es zum Beispiel den homo oeconomicus nicht gibt und auch keine vollständige Information für jeden Marktteilnehmer vorliegen."
Auch exogene Schocks, so lautet die Imponiervokabel unter Experten für unvorhergesehene Ereignisse, lassen viele Prognosen zersplittert zurück. Wer hätte zum Beispiel Anfang 2007 gedacht und prognostiziert, dass die Finanzkrise von Amerikas Immobilienmarkt aus um die ganze Welt rollen würde, um jetzt aus Richtung der überschuldeten Euro-Staaten zurückzuschwappen?
Trendfolgemodelle: Trend statt Prognose
Wer keiner Prognose traut, kann auf so genannte prognosefreie Modelle setzen. "Trendfolgemodelle zum Beispiel setzen auf einen bestehenden Trend, aber prognostizieren ihn nicht", sagt Mattern. Auch Exchange Traded Funds (ETF) sind eine Möglichkeit. Ihre Lieferanten werden nicht müde darauf hinzuweisen, dass diese Produkte nicht unter Managementfehlern leiden, wie es zum Beispiel bei aktiv verwalteten Fonds verkommt, wenn sich deren Manager auf eine falsche Prognose verlässt. Eines wird dabei aber übersehen - wer ein Dax-ETF kaufen möchte, muss eine Vorstellung davon haben, wie sich der Dax
künftig entwickeln wird, also eine Prognose erstellen.
Ohne Prognosen geht es also nicht wirklich. "Ohne eine Einschätzung der zukünftigen Entwicklung sollten Anleger keine Anlageentscheidung tätigen" mahnt deshalb Stubenrauch. "Allerdings muss man wissen, dass man nicht in der Lage ist, einen Markt exakt zu prognostizieren. Mit dieser Tatsache muss man umgehen."
Immerhin lassen sich die Folgen von Fehlprognosen begrenzen, indem nicht nur auf einen Titel gesetzt wird. Nichts anderes hat Gross in seinem Pimco Total Return Fonds getan, auch auf Grund eines Gesetzes, das ihm eine gewisse Streuung vorschreibt. Dennoch lag die Wertentwicklung des Fonds laut Morningstar 2011 fast 90 Prozent hinter der von vergleichbaren Konkurrenten. Gross blieb nur die Flucht nach vorn: "Weder ich noch irgendjemand anders hier bei Pimco wird aufgeben", schrieb er in einem Kundenbrief im Oktober, in dem er sich auch für seine Fehleinschätzung entschuldigte. Er schloss: "Die Feuer der Konkurrenz brennen heißer denn je. Ich beziehungsweise wir respektieren unsere Konkurrenz, aber wir wollen jeden von ihnen schlagen, und dies jeden Tag." Nach vorne schauen - vermutlich die richtige Antwort auf falsche Prognosen.
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