Dienstag, 26. März 2019

Schlagfertiger durch Ärger-Fasten Anecken ist gesund

Gespräch unter Kollegen: Ironie kann Situationen auflockern
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Gespräch unter Kollegen: Ironie kann Situationen auflockern

Tom Buschardt
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    Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. www.buschardt.de

Viele Seminare und Schlagfertigkeitsratgeber versprechen schnelle Erfolge mit sogenannten Standards, die in jeder Situation funktionieren. Das ist im Prinzip eine gute Idee und der richtige Ansatz, den einen oder anderen Schlagfertigkeitsknoten zu durchschlagen. Aber es ist nicht jederzeit angemessen, weil es zum sozialen Status passen muss. Und da kann es erhebliche Unterschiede geben.

Machen Sie sich locker! Es gibt Standardsprüche, die nicht besonders originell sind, Ihnen aber Luft und Raum verschaffen, sich über Ihren Gegner nicht weiter aufzuregen, Ihre augenblickliche inhaltlich-eloquente Schwäche zu überspielen und Sie nicht wie einen begossenen Pudel dastehen zu lassen. Solche Antworten sind beispielsweise:

"Herzlichen Glückwunsch!"

"Da hast Du sicher jetzt eine Menge Freude dran."

"Scheint so, dass Dein Tag ganz gut läuft."

"Glauben Sie, die anderen finden das lustig, oder lachen die nur aus Höflichkeit mit Ihnen?"

"Wie lange läufst du mit dem Spruch schon durchs Leben?"

Buchtipp

Tom Buschardt
Schlagfertiger durch Ärger-Fasten:
Erfolgreicher in Privat- und Berufsleben

VISTAS Verlag, 2017, 248 Seiten, 15,00 Euro

Jetzt kaufen

Das sind keine eloquenten Volten oder witzige Bemerkungen. Aber sie erfüllen in der Schlagfertigkeit einen Zweck: Sie verschaffen Ihnen Luft. Zum Atmen. Zum Denken. Und sie schaffen Platz auf dem Teller, auf den Ihnen gerade jemand Ärger-Kalorien aufschaufelt. Das ist gut so! Bei der Schlagfertigkeit ist in der Regel die Schnelligkeit wichtiger als die Eloquenz. Das führt leider bei Menschen, die stets eloquent sein wollen, oft zu einer Blockade, weil sie sich scheuen, auch mal etwas Halbgares zu servieren. Schade. Denn halbgar ist in diesem Fall besser als gar nichts.

Riskieren Sie was - oder bleiben Sie zu Hause!

Bei der Technik des Ärger-Fastens, die ich in dieser Serie vorstelle, geht es genau darum: Geben Sie den Ärger, den Ihnen jemand bereitet, an den Verursacher zurück. Dazu bedarf es einer gewissen Sprachkompetenz und Schlagfertigkeit, doch keine Sorge: Schlagfertigkeit ist planbar. Sie hat allerdings auch Grenzen. Um die soll es in diesem Teil gehen.

Nehmen wir folgendes Beispiel: Der Chef ruft mal wieder über den Flur, wo die Belegschaft denn bleibt. Das Teammeeting steht an und man ist bereits einige Minuten im Verzug. Einer der Angestellten sagt nun halblaut zu seinen Kollegen:

1) "Oh, der Muezzin hat wieder zum Gebet gerufen" oder

2) "Habt Ihr gehört? Der Chef ruft zum Hochamt."

Das kann witzig sein und die Situation etwas entspannen. Es kann aber auch nach hinten losgehen, wenn im Beispiel 1 der Chef muslimischen Glaubens ist oder er im Beispiel 2 als streng gläubiger Christ bekannt ist.

Genauso verhält es sich mit den Hierarchieebenen. Unter Gleichgestellten ist es einfacher, als vom Untergebenen zum Vorgesetzten oder vom Vorgesetzten zum Untergebenen. Da mögen die Hierarchien im Unternehmen noch so flach sein, das Verhältnis zu den Vorgesetzten noch so locker- in einem zu harten Spruch spiegelt sich ganz schnell das Machtverhältnis auf eine unschöne Art und Weise destruktiv wieder.

Auch kann es von Branche zu Branche deutliche Unterschiede geben. Was in einem Betrieb okay ist, kann im anderen schon zu einem Gespräch mit dem Betriebsrat führen. Deshalb braucht es bei der Schlagfertigkeit immer auch einer Rückfalloption, derer man sich bedienen kann, um eine aus dem Ruder laufende Kommunikation wieder einzufangen und den Schaden zu begrenzen. Aber wer sich auf dem Weg in die Schlagfertigkeit ausmalt, niemals jemanden zu verletzen oder Grenzen zu überschreiten, der kann direkt zu Hause bleiben.

Stiften Sie Verwirrung!

Im Betrieb empfiehlt es sich, möglichst neutral zu bleiben, was die persönliche Ebene betrifft und die Schlagfertigkeit eher auf die Sache zu beziehen.

"Sind Sie sich sicher, dass das funktioniert?"

"Das ist so sicher wie die Rente!"

Das ist gut und funktioniert in verschiedene Richtungen: Sie stiften auf jeden Fall erst einmal Verwirrung und ihr Gegenüber muss das Originalzitat Norbert Blüms ("Die Rente ist sicher!") kennen, das der ehemalige Arbeitsminister wie ein Mantra über viele Jahre verbreitet hat. Es funktioniert bei minimaler Allgemeinbildung sogar ohne Quellenkenntnis: Was ist an der Rente schon sicher? Was will mir mein Angestellter damit sagen? Dass ich besser noch private Vorsorge betreiben muss - also auch bei seinem Projekt noch etwas mit anpacken muss? Oder ist unser Kontext so, dass ich heraushöre: Es ist nichts sicher an diesem Projekt? Die Strategie ist ganz klar: Man drückt sich um eine eindeutige Aussage herum. Damit irritiert man sein Gegenüber und verschafft sich weiteren Argumentationsraum, den man dann in Ruhe füllen kann.

Antworten Sie auf die Frage "Ist die Software auch wirklich sicher?" mit etwas in der Art von "So sicher, als hätte sie VW entwickelt" oder "Die war Jahrzehnte erfolgreich bei VW im Einsatz", dann erfordert das allerdings schon wieder Kontextwissen Ihres Gegenübers, nämlich die Erinnerung an die VW-Abgasaffäre und die zugrundeliegende "Schummel-Software". Hier ist Ironie das Ziel, denn die eigene Software soll natürlich möglichst keine Schadenersatzforderungen in Milliardenhöhe verursachen.

Schlagfertig sein bedeutet in jedem Fall, sich für einen Schlag fertig zu machen. Und wer nicht austeilt, wird weiter einstecken. Dann kommen Sie aber auch mit Ärger-Fasten nicht besonders weit im Leben. Wer also Ärger-Fasten betreiben und die Basis seiner Schlagfertigkeit erhöhen möchte, kommt nicht umhin, den ein oder anderen kleineren Kollateralschaden in Kauf zu nehmen. Fragen Sie sich am besten immer: Was ist die Alternative, wenn ich jetzt kusche? Wenn ich klein beigebe und mich alleine zu Hause ärgere? Mein Tipp: Entscheiden Sie sich fürs Ärger-Fasten und arbeiten Sie mit daran, dass ihr Gegenüber die Chance erhält, sich zu bessern und sein Verhalten zu ändern.

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